Rückblick aufs #scvie, kurz und kritisch

von Anne Aschenbrenner //

Das vierte Wiener stARTcamp, das ich als Wiener Kulturfritzenhälfte gemeinsam mit Christian Henner-Fehr, Barbara Royc und Michael Wuerges von Collectors Agenda organisierte, ging am 21. November 2016 über die Bühne. Zum ersten Mal überhaupt fand das stARTcamp in einem Theaterhaus statt (wer unser Langzeitbemühungen zu verfolgt, weiß wie glücklich uns das macht), dem Wiener Volkstheater sei hier auch gleich herzlich gedankt für die bezaubernde Location und die gute Zusammenarbeit.

 

Organisatorisch gab es nichts zu meckern: „Rita bringt’s“ heißt das Catering, für das wir uns entschieden haben, und Rita hat’s in der Tat gebracht. Wie wichtig die Verpflegung ist, klingt mir noch von Frau Vogels mahnendem Blogpost nach der Konferenz Theater und Netz (#tn16) in Berlin im Ohr.

 

Zeitmäßig verlief alles wie am Schnürchen, gut geplant ist halb gewonnen, daher auch nochmal Dank an meine Mitorganisator_innen.

Das stARTcamp selbst nun?
Ich stehe der Veranstaltung ein wenig zwiegespalten gegenüber. Wer aber sonst soll kritisch zurückblicken, wenn nicht gerade auch die Organisator_innen?

Bezeichnend war die hohe Anzahl der Erstbesucher_innen: Gefühlt zwei Drittel gaben in der Abschlussrunde an, zum ersten Mal ein Barcamp besucht zu haben. Da dies auch im vergangenen Jahr bei der dritten Wiener stARTcamp-Ausgabe im MAK so war – und auch beim regelmäßig stattfindenden Social-Media-Stammtisch (#smskultur) ständig neue Gesichter auftauchen, stellt sich schon die Frage, warum und aus welchen Löchern die vielen Kulturarbeiter_innen aus Wien und Umgebung plötzlich hervorkommen. Soll die „Filterblase“ tatsächlich schon geplatzt sein? Schwimmen die Social-Media-Pioniere nicht mehr ausschließlich in ihrer eigenen Suppe? Womöglich ist das digitale Boot, in dem wir sitzen, größer als gedacht? Ein Paradigmenwechsel lässt sich zumindest in der Bewusstseinsebene von Führungspositionen mittlerweile auch in der österreichischen Kulturlandschaft erkennen: „Das brauchen wir nicht, das sind wir nicht“, sagte noch (O-Ton!) vor knapp zwei Jahren ein Museumsdirektor zu seiner Mitarbeiterin über die Etablierung von digitalen Strategien. Heute jedoch, so lässt sich aus den Gesprächen des #scvie nun heraushören, ist der Direktor_innen-Tenor eher ein „Das brauchen wir auch und zwar besser und schöner als die anderen“. Oft mit dem bitteren Nachsatz, der auf fehlende (oder falsch verteilte!) Ressourcen hinweist – was mitunter zwar Grund wäre, digital ein bisschen zurückzustecken, aber auf alle Fälle kein Hindernis ist, Digitales trotzdem durchzudrücken und „irgendwie nebenher“ herumzuwurschteln.

„Gespräch“ ist das Schlagwort, das das #scvie vergangenen Montag bezeichnet: Ins Gespräch kommen war uns Organisator_innen ein Anliegen. Wir wollten weg von den Powerpoint-Präsentationen, aber vor allem auch weg von dem Gefühl, vorne steht jemand, der den anderen zeigt, wo’s langgeht. Das Netz, das Digitale, das wollten wir zeigen, ist eine Sachen von Vielen, über alle Ebenen und Bereiche hinweg. In der Tat war das World Café dafür ein gutes Format – noch nie wurde an einem Tag soviel ausgetauscht (und, ähem, ausgetratscht) – ich wage zu behaupten: Soviel wurde in ganz Wien seit der Erfindung des World Wide Web noch nie über Digitales und Kultur in einem Atemzug gesprochen.

Ziel also erreicht?
Nicht ganz.

startcamp_1

Foto (c) Reinhard Widerin

Gezeigt hat sich nämlich (und das zum leidig wiederholten Male), dass Strukturen und Arbeitsabläufe, wie sie sich über Jahrzehnte hin etabliert haben, im digitalen Alltag oftmals hinderlich sind. Gut, mit dem Ergebnis haben wir gerechnet. Unsere Fragen, die wir in drei Runden World Café geworfen haben, waren wohl durchdacht, aber möglicherweise dennoch nicht optimal.
Frage 1 (Welche Strukturen wünsche ich mir für meine Arbeit?) und Frage 2 (Welche Prozesse und Arbeitsabläufe brauche ich, um meine Arbeitsziele zu erreichen?) waren für viele überfordernd ähnlich (am Ende ist auch dies symptomatisch), was dazu führte, dass hier dann mitunter zweimal 30 Minuten dieselben Wehwehchen diskutiert wurden. Die dritte Frage (Was kann ich tun, um Veränderungen von Strukturen und Prozessen herbeizuführen?), die von uns als „Auffangbecken“ gedacht war, vielleicht zu pädagogisch angeleitet. Breaking waren die Ergebnisse aus allen drei Runden nicht wirklich.

Die Sessions, die wir für den Nachmittag geplant haben, kamen nicht so recht zustande. Es waren mehr oder weniger spontane Key Notes von Martin Adam (appellativ über die Konzeption von Museumsapps), Ivana Neusiedler-Poveznik von der Albertina (wie immer locker, informativ und inspirierend aus dem Nähkästchen) sowie Corinne Eckenstein, die mit dieser Spielsaison die Leitung des Dschungel Wien, Theaterhaus für junges Publikum, übernommen hat. Sie versucht, digital sehr unbedarft, aber umso interessierter, eine digitale Strategie ins Haus zu bringen, und möchte „abseits von Marketing-Gedöns“ (Eckenstein) nicht über das Publikum hinweg kommunizieren, sondern die Zielgruppe 16+ in ihrer digitalen Welt erreichen. Ein hehres Vorhaben und auch ein kleiner Schlag in die Marketing-Magengruben der Institutionen, denen das – Stichwort „Zielgruppe alle“ – oft nicht gelingt. Kurz stellte sich auch noch Ticket Gretchen vor, ein enthusiastisches und charmantes Wiener Start Up.

Aufgrund der überschaubaren Anzahl an Session-Angeboten, kam es auch zu keinem Ortswechsel, wir blieben in der Roten Bar und in der großen Gruppe, eine kleine Nachmittagsmüdigkeit machte sich breit. „Mir ist langweilig“, raunte mir dann eine Besucherin zu und setzte ein „Du bist doch die Organisatorin“ hinterher. Leben Barcamps freilich mehr als jedes andere Tagungsformat vom Engagement ihrer Teilnehmer_innen, so muss ich die zweitweise Un-Dynamik, die ich nur bedingt als Wiener Gemütlichkeit durchgehen lassen möchte, dennoch auch auf meine Kappe nehmen. Für träge Fragen, wie jene nach Strukuren und Prozessen es nun einmal sind, hätte es einen knapperen Ablauf, mehr Bewegung innerhalb der World-Café-Gruppen, mehr Ortswechsel und – so paradox es klingen mag – weniger Zeit benötigt.

So bleibt trotz des herrlichen Sonnenscheins in bezaubernder Umgebung, trotz gut gelaunter und begeisterter Menschen, trotz ausreichend Zeit und Raum zum Socializen und Schmähführen, für mich ein kleiner schaler Nachgeschmack.

Um das Bild des digitalen Bootes noch einmal zu strapazieren: Säßen wir alle in einem, so würden manche wohl rudern, andere Löcher ins Heck schlagen und einige vor sich hin fischen, ungeachtet dessen, dass sich der Bug langsam hebt und es schon leise zu gluckern beginnt, während wieder andere „Volle Kraft voraus!“ brüllen. Sehend oder nicht sehend in den Untergang? Soll das die Frage sein? Ich sage: Nein.

Mit Blick auf das eBook, das entstehen soll, ergibt sich aus dem #scvie ein plakatives Bild von Hindernissen und Hürden und von Wünschen, die durchwegs keine utopischen sind, sondern zeigen, dass die Kulturarbeiter_innen und auch die wenigen Vertreter_innen aus der Führungsebene durchaus in der Lage sind, realistisch Notwendigkeiten einzuschätzen. Diese auch einzufordern, dazu hat das #scvie vielleicht ermutigt.

Schön habe ich gefunden, dass in einer der Gesprächsrunden der Satz gefallen ist:

„Aber manches funktioniert doch. Lasst uns doch zusammentragen, was gut funktioniert!“

Und das möchte ich für mich vom #scvie mitnehmen und weitertragen: Lasst uns zusammentragen, an welchen Stellen der digitale Kulturbetrieb schon funktioniert. Und vor allem: weiter ausprobieren, vielleicht scheitern, darüber reden und erneut probieren.

Und, wie Martin Adam gesagt hat, was man nicht oft genug sagen kann:

//

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5 Antworten zu “Rückblick aufs #scvie, kurz und kritisch

  1. Pingback: Dreimal Rückblick auf das #sckb16 |·

  2. Danke für die selbstkritische Rückschau. Ich war nicht dabei, interessiere mich aber für die laufenden Debatten, die sich ja überall ähneln im Kulturbereich. Ich denke, im Digitalen muss es die Mischung sein aus gewagten Neuem, wo der Ausgang und Erfolg ungewiss ist (vielleicht gefällt es der gewünschten Zielgruppe ja, die Leute sind oft unberechenbar!) und solidem, auch bezahlten Basic-Handwerk. Und dann darf man natürlich auch öffentlich darüber reden, was nicht geklappt hat 🙂
    Viele Grüße nach Wien,
    Marlene

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Marlene! Dankeschön für deine Nachricht. Neues zu wagen, das ist ein guter Wunsch für alle Kulturarbeiter_innen – und für manche vielleicht auch ein schöner Neujahrsvorsatz. Von nichts kommt nämlich immer so wenig… 😉 Viele liebe Grüße aus Wien und frohe Feiertage! Anne

      Gefällt 1 Person

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