Am anderen Ende der Tannenallee

#Gruftwandeln meets #Lustwandeln.
Ein sommerlicher #kulttrip-Tipp von Marc Lippuner //

Luise Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz, bekannt vor allem als Königin Luise von Preußen. Die zu Lebzeiten äußerst beliebte, lange Zeit hochverehrte, schöne und viel zu jung verstorbene Adlige ist so etwas wie die Lady Di des 19. Jahrhunderts: ein royales Sexsymbol, zum Mythos verklärt, kultisch verehrt und gerade deshalb nicht unumstritten.

Wer von Euch die Kulturfritzen-Aktivitäten regelmäßig verfolgt, der wird sich erinnern, dass ihr Name immer mal wieder aufgetaucht ist, sei es in Tweets, #Berlinfakten, Snaps oder Blogposts: Aus Berlins Geschichte ist Luise ebensowenig wegzudenken wie aus der Berliner Museumslandschaft. Während der Langen Nacht der Museen besuchte ich sie und ihre Schwester letzten Sommer im Berlin Story Bunker, aus dem Kunstgewerbemuseum snappte ich kürzlich eine Miniaturreplik jener Prinzessinnengruppe, die eigentlich in der Alten Nationalgalerie steht, ihre Eheschließung mit Kronprinz Friedrich Wilhelm vor 222 Jahren war mein #Berlinfakt am Heiligen Abend, in der Ausstellung Frauensache  bewunderte ich Luises offenherziges Dekolleté, im Depot der Stiftung Stadtmuseum sah ich ihre letzte Handarbeit, ein unscheinbares, graugrünes Bändchen, geknüpft auf Schloss Hohenzieritz, wo die junge Königin am 19. Juli 1810 im Alter von nur 34 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

#Gruftwandeln

Ihre sterbliche Hülle wurde nach Berlin überführt und am 30. Juli 1810 im Berliner Dom beigesetzt. Luises sechs Jahre älterer Witwer, Preußens König Friedrich Wilhelm III., ließ im Garten des Schlosses Charlottenburg innerhalb von nur fünf Monaten ein Mausoleum errichten, in dessen unterirdischer Gruft Luise am 23. Dezember ihre letzte Ruhestätte fand. Als Standort wurde das Ende einer dunklen, von Tannen besäumten Allee ausgewählt, einer der Lieblingsplätze der Königin.

Bereits im Herbst hatte der König den Bildhauer Christian Daniel Rauch beauftragt, eine marmorne Liegefigur Luises für einen Sarkophag zu schaffen. Gipsversionen entstanden 1811 und 1812 unter den Augen des Königs, die Marmorarbeiten wurden in Carrara und Rom ausgeführt. Das vollendete Grabmal wurde im Sommer 1814 auf ein Schiff verladen, welches jedoch gekapert wurde. Nach einem halben Jahr der Ungewissheit erreichte der Sarkophag schlussendlich salzwasserbeschädigt Charlottenburg und konnte am 30. Mai 1815 im Mausoleum aufgestellt werden.

Nach dem Tod Friedrich Wilhelms III. im Jahr 1840 wurde das Mausoleum durch einen Querbau mit Apsis erweitert, um die Grabmale des Königspaars nebeneinander aufstellen zu können. Das Wandbild in der Halbkuppel zeigt beide kniend vor einem thronenden, Segen spendenden Jesus Christus.

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Der kleinere und ältere Teil des Gebäudes, in dem das Grabmal Luises bis dahin stand, dient nun als Vorraum.

Das Grabmal mit der schlafenden Luise gilt als künstlerisch bedeutsamstes Objekt des Mausoleums und zählt zu den zentralen Werken Christian Daniel Rauchs, was ob der obskuren Geschichte des Exponats und der kultischen Verehrung Luises auch nicht verwundert. Der ebenfalls von Rauch geschaffene Sarkophag für den Friedrich Wilhelm III. löst jedoch eine ähnlich große Faszination aus. Atemraubend der Faltenwurf des Lakens, die sanften Haarwellen, die biedermeierlichen Herrenschuhe, die Detailverliebtheit beim Gestalten der Uniform, deren sorgsam herausgemeißelte Knöpfe wie draufgelegt wirken. Zudem portraitiert Rauch hier nicht den 69-jährigen Toten, sondern den jungen, schneidigen Regenten, der er war, bevor seine Frau starb.

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Um so skurriler wirkt daneben das erste deutsche Kaiserpaar, für das 1894 im Mausoleum zwei von Erdmann Enke geschaffene Marmorsarkophage aufgestellt wurden. Dass es sich bei dem 90-jährigen Wilhelm I. († 1888) und seiner mit fast 80 Jahren verstorbenen Frau Augusta († 1890) um den zweiten Sohn und die Schwiegertochter des jungen Königspaares handelt, will einem nicht recht in den Kopf.

Die vier im Mausoleum aufgestellten Marmorsarkophage sind sogenannte Kenotaphe, also Scheingräber, die keine sterblichen Überreste enthalten.

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Die Leichname liegen in Metallsärgen in der öffentlich nicht zugänglichen Gruft des Mausoleums. Hier ist auch das Herz des ältesten Sohns Friedrich Wilhelms III. und Luises in den Boden eingelassen, zudem ruhen hier der jüngste Sohn der beiden, Albrecht von Preußen, sowie die zweite Ehefrau des Königs, Auguste Fürstin von Liegnitz.

 

#Lustwandeln

Das Mausoleum liegt mitten drin im 55 Hektar großen Schlossgarten Charlottenburg. Der Park kombiniert die strenge Geometrie barocker Gartenanlagen und die lockeren Arrangements englischer Landschaftsgärten. Das Barockparterre hinter dem Kerngebäude des Schlosses (dessen Turm gerade saniert wird) wurde in den 1950er Jahren allerdings unhistorisch nach barocken Musterbüchern gestaltet, weil die Wiederherstellung des Originalzustandes zu pflegeaufwendig erschien. Die umliegenden Wiesen- und Waldflächen laden zum Lustwandeln ein und sind seit langer Zeit schon ein beliebtes Naherholungsgebiet, das für neugierige Flaneure wie mich die eine oder andere Überraschung bereithält. Zum Beispiel eine bronzene Luise-Büste auf der nach ihr benannten kleinen Insel.

 

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Der Schlossgarten ist täglich ab 8 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Das Mausoleum hingegen ist nur von April bis Oktober zugänglich. Beides lässt sich also an warmen Tagen wunderbar miteinander kombinieren.

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Sämtliche Service-Infos zum Mausoleumsbesuch bekommt Ihr auf der Website der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Hier findet Ihr auch alle Infos zum Charlottenburger Schlossgarten.

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„[D]en Zauber des entzückenden Charlottenburg genießen“ – wie einst Königin Luise von Preußen – das ist  Mein Kulturt(r)ip für Dich im Sommer. Und damit mein Beitrag zu Tanja Praskes Blogparade. Welche Ausflüge Euch andere Blogger_innen vorschlagen, das könnt Ihr hier nachlesen.

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Zur Information:
Alle Fotos dieses Blogposts sind von Marc Lippuner am 26. Juli 2016 aufgenommen worden. Mit einem Klick auf die Fotos bekommt man eine vergrößerte Ansicht. Das könnte u.U. ganz hilfreich sein. Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet werden.

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2 Antworten zu “Am anderen Ende der Tannenallee

  1. Pingback: Blogparade "Mein Kulturtrip für dich im Sommer" Aufruf #KultTrip·

  2. Lieber Marc,

    ein so wunderschöner Post – da lacht die Skulpturenfrau in mir! Die anmutige Stofflichkeit, die einen schönen Körper unter der Gewandung vermuten lässt, beeindruckt. In der Tat, schon eine sehr seltsame Zusammenstellung der vier Marmorsarkophage, vom äußeren betrachtet.

    Ich war heute auch lustwandeln für die große Aktion Anfang Oktober, daher melde ich mich erst jetzt. Um so mehr freute mich, hier von dir übers #Lustwandeln zu lesen.

    Merci!
    Tanja

    P.S.: Kleine Frage, mit welcher Kamera hast du die Fotos gemacht? Suche noch nach einer neuen.

    Gefällt mir

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