Macht und Dekolleté

Seit einem Vierteljahr etwa twittert nun endlich auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Als erste Aktion lud das Social Media Team zu einer Blogger_innen-Führung durch die Ausstellung Frauensache. //

IMG_5083Offenherzige Dekolletés, eng geschnürte Korsetts, kirschrote Lippen und Perlenschmuck – mit derartigen Ausschnitten aus Gemälden des 18. und 19. Jahrhunderts empfängt die Ausstellung Frauensache ihre Besucher_innen im Theaterbau des Schlosses Charlottenburg. Hinzu gesellt sich – in grellem Pink gehalten – ein schlanker Frauenarm, der eine Schach-Dame grazil zwischen Daumen und Zeigefinger jongliert.
Unwillkürlich muss ich an Lady de Winter denken, natürlich in der Lana-Turner-Version von 1948, an die schöne Musketier-Intrigantin, die mit genau den Reizen kämpfte, die hier ausgestellt sind, mit Reizen, die Mann gern die Waffen einer Frau nennt. Lady de Winter also, die schlussendlich den Kampf um die Macht verlor. Und ihren Kopf dazu.

Gendersensibilisiert – nicht erst, aber akut vielleicht auch wegen der Homosexualität_en-Ausstellung im DHM und im Schwulen Museum – schrillten bei mir die Alarmglocken. Will man hier allen Ernstes die Geschichte der Hohenzollernfrauen erzählen, indem man sie auf ihre Rollen als Mutter, Tochter, Gattin oder Mätresse reduziert?
Ja, man will. Und überraschenderweise macht das Sinn.

In fünf Etappen wird beleuchtet, wie die Frauen den Aufstieg der Dynastie sicherten und wie Ihr Handeln die Geschichte Brandenburg-Preußens prägte. Interessanterweise kommen die Frauen jedoch nur in drei dieser thematischen Räume überhaupt vor.
Im ersten Raum wird die Geschichte der Hohenzollern, die von 1415 bis 1918 das Bild Europas maßgeblich bestimmten, als Geschichte tatkräftiger Männer erzählt. Im vierten Raum wird erklärt, warum: Schuld sei die Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts, die unsere Wahrnehmung noch immer präge: „Männer machen die Geschichte“, schrieb Heinrich von Treitschke 1879, in der historischen Forschung spielten die Frauen keine Rolle und um 1900 entstand eine Gedenkkultur, die dieses Geschichtsbild durch Denkmäler, Historiengemälde und Massenmedien manifestierte. Die Mütter, Ehefrauen und Töchter verschwanden von Familienportraits und Postkarten, Statuen im öffentlichen Raum huldigten ausschließlich Herrschern und Helden, Dichtern und Denkern.

In den Zwischenräumen dieser Geschichtsschreibung zeigt die Ausstellung auf, welche Funktion den Hohenzollerntöchtern in erster Linie zukam: Verheiratet wurden sie, bis sich ein engmaschiges familiäres Netz über Europa spannte. Diese politischen Ehen bestärkten Freundschaften, besiegelten Friedensschlüsse und sicherten Ansprüche auf Erbschaften und Gebietszuwächse. Um diese engen dynastischen Verbindungen sichtbar zu machen, werden wertvolle und kunstfertige Gastgeschenke gezeigt, Gold- und Silberschmiedearbeiten, die zu familiären Anlässen und bei persönlichen Besuchen ausgetauscht wurden.

Die Rollen der Frauen innerhalb dieses dynastischen Systems waren klar definiert:

Handlungsspielräume gab es hier wenige, sie änderten sich allenfalls mit dem Rollenwechsel, der neue – aber ebenso begrenzte – Möglichkeiten eröffnete. Und so werden Kleider, die bekanntlich Leute machen, in Edelboutique-Schaufenstern ausgestellt und legen Zeugnis ab vom Ideal, während die Störfaktoren, die immer wieder die geforderten Rollenbilder strapazierten – persönlicher Ehrgeiz, Heimweh oder Liebe, vor allem die Liebe -, scharfkantig und asymmetrisch am Rand des Spielraums ihren Platz finden.

Die Ausstellung schließt in einem umfangreichen fünften Raum, der anhand ausgewählter Hohenzollerinnen deutlich macht, dass es immer wieder Frauen in der Dynastie gab, die die brandenburg-preußische Geschichte politisch und kulturell formten. So konvertierte Elisabeth von Dänemark 1527 als erste der Familie zur lutherischen Lehre, Anna von Preußen erstritt im 17. Jahrhundert ihr Erbe und verdoppelte so die Größe des Staates, Luise von Mecklenburg-Strelitz – die Lady Di des 19. Jahrhunderts – wurde zum Symbol des Widerstands gegen Napoleon und ohne Sophie-Charlotte wäre Berlin heute vielleicht um ein oder zwei Opernhäuser ärmer.

Heutzutage ist vieles davon vergessen, die wenigsten wissen, dass mehr als 60 Straßen und Plätze in Berlin an Mütter, Schwestern und Töchter aus dem Hause Hohenzollern erinnern. Die Ausstellung Frauensache, die noch bis zum 22. November 2015 zu sehen ist, schließt diese Wissenslücken. Die Geschichte neu schreibt sie dabei nicht, aber sie betrachtet die Hohenzollerngeschichte weniger als Männer-, denn als Familiengeschichte. Die Frauen werden hier als Funktionärinnen eines patriarchalen Systems vorgestellt, wenngleich sie jedoch eher die Damen IM Schachspiel waren, als das sie das Spiel selbst gespielt hätten. Eine Lady de Winter sucht man in der Ausstellung also vergeblich, aber das ist vielleicht auch ganz richtig so, denn immerhin hat keine der Hohenzollerinnen wohl ihren Kopf verloren.

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Ein herzlicher Dank an die Kuratorin Julia Klein, die uns durch die Ausstellung führte, sowie an Tobias Losekandt, Mitarbeiter des Social Media Teams der SPSG, für die Einladung zum Tweetup.
Wer die Führung nachverfolgen und vor allem noch weitaus mehr Fotos sehen möchte, dem sei das Storify empfohlen, das Tobias erstellt hat.

Alle Infos zur Ausstellung (Adressen, Öffnungszeiten, Eintrittspreise etc.) findet man hier.

Erwähnenswert ist noch das Objektheft, das man mit der Eintrittskarte erwirbt. Hier sind alle ausgestellten Exponate kurz beschrieben, sodass auf Texttafeln, die eine Ausstellungsarchitektur oft negativ beeinflussen, verzichtet werden kann. Darüber hinaus bietet das Heft die Möglichkeit der Nachlese. Ein Konzept, dass ich an dieser Stelle allen Museen besonders für Sonderschauen ans Herz legen möchte.

Zum Abschluss noch eine kleine Dekolleté-Schau mit Ausschnitten* aus der Ausstellung, wie sie mir vorm Museum und im Foyer begegneten. Um meine Assoziation zu Lady de Winter nachvollziehbar zu machen, hab ich ein Foto von Lana Turner darunter gemischt.

* Falls jemandem der Wortwitz am Anfang des Textes entgangen sein sollte, hab ich ihn hier nochmal wiederholt. #manweißjanie 

// (ml)

Zur Information:
Sämtliche Fotos dieses Blogposts sind von Marc Lippuner am 20. Oktober 2015 aufgenommen worden (bis auf den Lana-Turner-Screenshot). Mit einem Klick auf die Fotos bekommt man eine vergrößerte Ansicht. Das könnte u.U. ganz hilfreich sein.
Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet werden.

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3 Antworten zu “Macht und Dekolleté

    • vielen dank für deine nachricht und das lob zum beitrag.
      das tweetup fand verhältnismäßig spät statt, aber ich denke, es blieb noch genug zeit (3 wochenenden), mit diesem beitrag auf die ausstellung aufmerksam zu machen. bin gespannt, mit welchen aktionen die stiftung preußische schlösser und gärten nun wohl weiter die sozialen netzwerke bespielen wird.

      Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Am anderen Ende der Tannenallee |·

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