Draußen tanzen und drinnen streamen. Die Berliner Clubszene in Zeiten der Pandemie

von Marc Lippuner //

Innerhalb der schwer gebeutelten Veranstaltungsbranche hat es die Clubszene vermutlich am härtesten getroffen. Während Museen und Galerien recht schnell, Theater und Konzerthäuser im Spätsommer und Frühherbst immerhin für einige Wochen öffnen konnten (wenn auch mit großen Einschränkungen), so war für die Clubs und Party-Locations auch zwischen den Lockdowns Lockdown, denn die Durchführung sogenannter Tanzlustbarkeiten ist seit Freitag, dem 13. März 2020 in Innenräumen ausnahmslos verboten. Wie es den Clubs nach einem Jahr Schließzeit geht und mit welchen Konzepten sie durch die Krise kommen, darüber habe ich mit Lutz Leichsenring gesprochen, der Pressesprecher und Teil des geschäftsführenden Vorstands der Clubcommission ist, die vor 20 Jahren als Netzwerk für die Berliner Clubszene gegründet wurde.

Lutz Leichsenring © Pavol Putnoki

Mit 300 Mitgliedern ist die Clubcommission heute die weltweit größte regionale Vereinigung von Clubbetreiber:innen und Organisator:innen von Musik-Events. Sie agiert als Vermittlerin zwischen der Club- und Partyszene und der Politik, den Behörden, der Wirtschaft und der Bevölkerung. So bemüht sie sich um eine endgültige Anerkennung der Clubs als Kulturstätten, hat mit dem Senat einen Schallschutzfonds aufgesetzt, kämpft für den Erhalt von Freiräumen in der Stadt, kümmert sich um Nachhaltigkeit bei der Ausrichtung von Festivals und um andere Awareness-Themen wie eine faire Türpolitik oder Geschlechtergerechtigkeit im Veranstaltungsbusiness. 9 000 Menschen verdienen ihr Geld in der Berliner Club- und Partyszene, 180 Mio. Euro Umsatz werden hier im Jahr gemacht, insgesamt spült die Clubkultur jährlich 1,5 Mrd. Euro in die Stadt. Geld, das nun fehlt.

Menschen auf engstem Raum zusammenbringen
Bereits bevor der erste Corona-Fall in Berlin auftrat, hielt die Clubcommission regelmäßige Krisensitzungen ab. „Es gab zwei Aspekte, die die Katastrophe für uns schon früh absehbar machten“, erzählt Lutz. „Zum einen, weil wir unser Geld damit verdienen, dass wir Menschen auf engstem Raum zusammenbringen, und das ist das Gegenteil von dem, was man in einer Pandemie machen sollte. Und uns war klar, dass das zu einer Stigmatisierung führen könnte. Was ja auch eingetroffen ist.“ Einige Clubs hatten schon Anfang März Veranstaltungen abgesagt, um ihre Mitarbeiter:innen und Gäste zu schützen. Geplante Sensibilisierungsmaßnahmen schob der Lockdown beiseite.

#UnitedWeStream
Bereits am ersten Tag der Schließung beschloss die Clubcommission, mit #UnitedWeStream eine Streaming-Plattform und eine Spendenkampagne zu starten, die fünf Tage später online gingen. „Daran sieht man die Kraft eines Netzwerks: dass wir den Launch in kürzester Zeit geschafft haben. Mit Partnern wie ARTE concert, FluxFM oder dem rbb. Unser Ansatz war, zu zeigen, was wir unter Clubkultur verstehen, und deshalb war klar: Wir streamen nicht aus Wohnzimmern, sondern aus leeren Clubs, vor leeren Bühnen und leeren Tanzflächen. Um die Dimension zu zeigen: dass Künstler:innen Teil unseres Programms sind und dass die jetzt auch kein Publikum haben. Und wir wollten hohe Qualität bieten, Fernsehqualität. Jeden Abend streamten wir aus einem anderen Club. Live. Und das hat eingeschlagen, so dass wir in den letzten Monaten über 600 000 Euro eingesammelt haben für Berlin.“ Ein Betrag, der bei Weitem nicht ausreicht, die Clubszene zu retten, aber ein Einstieg ist, um mit der Politik zu verhandeln. Die Spenden waren jedoch in den ersten Wochen ein wichtiger Puffer. Die Clubcommission nahm direkt Verhandlungen auf, um finanzielle Unterstützung zu bekommen, nichtsdestotrotz dauerte es zum Teil Monate, bis zugesagte Soforthilfen ankamen. „Landesmittel waren passgenauer“, erläutert Lutz, „weil sie sehr stark auf die privaten Kulturbetriebe ausgerichtet waren, so dass hohe Mieten und andere laufende Kosten damit gedeckt werden konnten, während die Bundesmittel bis heute immer wieder Fragezeichen aufwerfen. Da kennen sich selbst die Steuerberater nicht aus und raten einem, das Geld lieber auf dem Konto zu halten. Und gleichzeitig muss man mehrere Tausend Euro Miete zahlen und Mitarbeiter entlohnen. Also, das ist sehr schwierig.“ Und doch hat die Clubcommission bisher alle Mitglieder durch die Krise bringen können.

Draußen tanzen
Zahlreiche Clubs entwickelten im letzten Jahr digitale künstlerische Formate, andere wurden zur Galerie, zur Teststation, zum Drehort oder Sitzungssaal. In den warmen Monaten fanden auch etliche Veranstaltungen statt: Konzerte, DJ-Sets, kleine Festivals für bis zu 1 000 Personen, darunter der vom Senat finanzierte Tag der Clubkultur am 3. Oktober – alles unter freiem Himmel und unter kontrollierter Einhaltung strengster Hygienekonzepte. Argwohn und Kritik von Seiten der Behörden und Medien blieb trotzdem nicht aus: „Obwohl die Ausbrüche anderswo stattfanden, schien es einfacher zu sagen, das Partyvolk sei schuld an steigenden Infektionszahlen, was nachweislich für die Außenbereiche nicht zutrifft“, sagt Lutz.

Perspektiven
Neben Masken und Abstand gibt es nun auch einen Impfstoff und finanzierbare Schnelltests, die im kommenden Sommer Entspannung für die Veranstaltungsbranche bringen könnten. Geduld ist in jedem Fall vonnöten: „Es wird eine Weile dauern, bis wir von Null auf Hundert zurückkommen, zu den Variablen gehört ja nicht nur das Berliner Publikum, das sich sicher fühlen muss. Hinzu kommt die Frage, wann wieder Gäste in die Stadt kommen. Und auch Künstler:innen müssen wieder reisen können.“

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Zukunftsmusik aus dem Jahr 2014 🙂

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Dieser Beitrag entstand für die Kultur-Sonderseiten
des Stadtmagazins mein/4, Ausgabe März – Mai 2021.
Die Extra-Beilage kann man hier durchblättern.

Fotos: Pavol Putnoki

Lutz Leichsenring, Lola, Marc Lippuner © Pavol Putnoki

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Das Interview mit Lutz Leichsenring gibt es in voller auch im Kulturfritzen-Podcast.

www.kulturfritzen.podigee.io/40-clubcommission

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