#wunschvorstellung, retrospektiv

von Anne Aschenbrenner //

Während in Österreich der dritte Lockdown nun am 4. Jänner erneut verlängert wurde und Theaterabonnent_innen den Spielplan zur Wiedereröffnung am 22. Jänner wieder einmal in den Mistkübel werfen dürfen, widme ich mich mit meinem ersten Blogpost 2021 noch rasch einer Rückschau. Unter all den Formaten, die sich im vergangenen Jahr zu Theater und Netz entwickelt haben, möchte ich eines herauspicken, das ich selbst mitentwickelt habe. Einerseits – auch auf die Gefahr hin selbstgefällig zu klingen – weil ich es für ein wirklich gelungenes Projekt halte, andererseits weil der große Erfolg auch mich alten Social-Media-Hirsch überrascht hat. Das Projekt heißt Twittertheaterabend, die beiden Formate #vorstellungsänderung und #wunschvorstellung. Durchgeführt habe ich sie gemeinsam mit meinem Kollegen, dem Dramaturgen Sebastian Huber, am und mit dem Burgtheater.

Während man unter digitaler Transformation zumeist vor allem den Einsatz von möglichst viel Technologie versteht, haben wir versucht, auf dem Weg des Transformationsprozesses möglichst viel wegzulassen. – Was macht Theater eigentlich aus?, haben wir uns gefragt.

Im Rahmen eines Experiments hatten wir als Burgtheater eingeladen, auf Twitter von einer Theatervorstellung zu erzählen, die gar nicht stattfand, ja in diesen Tagen gar nicht stattfinden durfte: zum ersten Mal am 12. Mai 2020 unter dem Hashtag #vorstellungsänderung und an den vier Adventsonntagabenden im Rahmen des Folgeformats, der vierteiligen #wunschvorstellung.  

Das gemeinsame Erleben von Theater, überhaupt von Kultur, das können digitale Formate bisher nur bedingt leisten. Streamings versuchen das zum Beispiel durch begleitende Chats: Der Chat jedoch beginnt und endet, wenn das Theater es will, aber das Publikum möchte sich auch vor und nach der Vorstellung über den Weg laufen, sich über das Stück austauschen oder über das Leben. Kultur erleben ist eben viel mehr als nur Kunst sehen, es bedeutet auch, das Erlebte aufnehmen, verarbeiten, zum Beispiel im Gespräch. Manchmal bringt einen die Kunst und das Gespräch darüber auf ganz andere Gedanken, ganz nebenbei. Und manchmal lernt man über das Kunsterleben auch ganz neue Menschen kennen und fühlt sich so bereichert. Wie lässt sich dieses Gefühl vom gemeinsamen Kulturerleben nun in den digitalen Raum transformieren?

Ein Theaterabend, der nur in der Vorstellung des Publikums existiert, geht das überhaupt?, hat Sebastian mich gefragt. Hold my Beer, habe ich geantwortet. Dass Twitter dafür die beste Plattform ist, war mir sofort klar. Die Pantwitterspiele der Herbergsmütter aus 2016 oder der Flohzirkus (ebenfalls 2016) haben gezeigt, dass kreative Kokreation auf Twitter funktionieren kann. Der große Erfolg der Twittertheaterabende des Burgtheaters hat schlussendlich aber auch mich überrascht. Immerhin hätte die Community sich auch als teilnahmslos erweisen können und mich, nach einem breit in der österreichischen Presse angekündigten Format, blöd dastehen lassen können. Aber es kam anders: Beim ersten Twittertheaterabend, der #vorstellungsänderung, sind über 3.000 Tweets (an einem dreistündigen Abend!) entstanden. Das Burgtheater hat 344 neue Follower_innen dazugewonnen (an einem Abend!). Die Kritiken, ganz klassisch eben, waren verwirrt bis begeistert. Vor allem aber: Theatererleben ist ein wichtiger Teil im Leben vieler und es fehlt in der Isolation des ersten Lockdowns, das hat die #vorstellungsänderung deutlich gemacht.

Als der zweite #KulturLockdown sich ankündigte, der zudem noch in die Vorweihnachtszeit fiel, war Sebastian und mir klar, dass wir das Format wiederholen möchten: als #wunschvorstellung jeweils am Adventsonntagabend, ab 18 Uhr, 90 Minuten, keine Pause. 

Die #wunschvorstellung als Nachfolgeformat lud sich spürbar mit noch mehr Bedeutung auf als beim ersten Mal, waren die Timelines doch zu dem Zeitpunkt voll von Erschöpfung durch die Corona-Krise, von Frust – und Falschnachrichten. Im November 2020, kurz vor dem Start der #wunschvorstellung, konstatierte ich in meiner Timeline vor allem Mutlosigkeit. In all den Jahren, in denen ich mich schon in den sozialen Netzwerken bewege, hatte ich noch nie soviel Verschwörungstheorien, Wut und Hass in meiner eigentlich sehr kuratierten Kultur-Timeline. Inhalte, die auch von Menschen geteilt wurden, die ich bisher für klug und ausgewogen hielt. Auch der Gedanke trieb mich an, das Experiment Twittertheaterabend unbedingt wiederholen zu wollen: das Netz für einen Moment mit etwas Schönem zu fluten.

Mit der #wunschvorstellung gelangen uns tatsächlich vier kleine Wunder in der Vorweihnachtszeit: für wenige Stunden entstand ein Gefühl von Gemeinsamkeit, das gemeinsame Geschichtenerzählen brachte Menschen zusammen und verdrängte vier Abende lang das Trostlose des Corona-Alltags aus den Timelines. An allen vier Abenden erreichten wir die Trending Topics in Österreich und teilweise auch in Deutschland und wurden mit jeweils knapp 2.000 Tweets pro #wunschvorstellung zum am meist besprochenen Thema auf Twitter des jeweiligen Abends. So entsteht Bedeutung, heißt’s in Felix Stalders Klassiker “Kultur der Digitalität“.

Für mich ist damit schon sehr viel erreicht.


Mit Christian Holst und Sebastian Huber habe ich darüber hinaus die Mechanismen der kokreativen Prozesse im Social Web anhand dieses Formats auch auf einer Metaebene analysiert. Der Artikel erscheint demnächst im Journal “Kulturmanagement und Kulturpolitik”. Im Band “Netztheater” von derHeinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de haben Sebastian und ich auch den Aufmachertext geschrieben. (hier kostenlos downloaden). Und auch zu Vorträgen darüber werde ich immer wieder eingeladen.

Nicht zuletzt habe ich in den vergangenen Jahren erfolglos nach Formaten gesucht, die Audience Engagement im Social Web betreiben, das über einen Call for Irgendwas hinausgeht. Audience Engagement im Netz heißt nur zu oft: „Schreibe einen Kommentar“, „Markiere jemanden in den Kommentaren“ oder im besten Fall: „Schick uns ein Foto“. Wie aber schafft man es, wirklich in intensiven Dialog mit seinem Publikum zu kommen? Ein Bedürfnis wecken, ein richtiges Bedürfnis, und ihm Raum zu Verfügung stellen, das ist wohl das Geheimnis. Theatererleben ist so ein Bedürfnis. Vor allem in einer Zeit, die emotionale Kulturerlebnisse zu einem knappen Gut macht. Eigentlich ist es sehr einfach.

Das Twittertheater hat es nicht nur nach Außen weit gebracht: Von #wunschvorstellung zu #wunschvorstellung schlossen sich neben Burgtheater-Mitarbeiter_innen des szenischen Diensts auch immer mehr Kolleg_innen aus dem Ensemble an: zuletzt Gunther Eckes, Philipp Hauss, Mavie Hörbiger, Marcel Heuperman und Caroline Peters. Und schließlich stand das Spektaktel auch hochoffiziell am Probenplan.

Das freut mich naturgemäß: Digitale Transformation braucht auch Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von innen, um gelingen zu können.

Aus den Tweets der #wunschvorstellung haben Sebastian und ich vier dadaistische Episodenguides kuratiert und dazu kleine Filmchen produziert. Gelesen wurden ausgewählte Tweets von den Burgtheater-Ensemble-Mitgliedern Martin Schwab, Stefanie Dvorak, Dietmar König und Dorothee Hartinger. Diese Videos (zu finden am Ende dieses Blogposts) sind nicht nur dadaistisches Vergnügen für #wunschvorstellung-Nostalgiker (oder noch schlichter: Zeitdokument von einem Theater im Netz während der Pandemie 2020), sie lassen sich auch noch auf einer Metaebene rezipieren und analysieren.

Die erste Ausgabe der #wunschvorstellung zeigt sich dabei vor allem als chaotisches Wirrwarr von abenteuerlichen Twittererzählungen, mit Fokus auf den Referenzrahmen Theater. Die Tweets hatten wir versucht durch bemühtes Kuratieren nachträglich in eine Art Plot zu gießen und dem Publikum als „Was bisher (nicht) geschah“ als Vorlage für die nächste Ausgabe anzubieten. Ab der zweiten Ausgabe schärfen sich die Figuren des Nicht-Theaters, auf die sich das Publikum geeinigt hatte. Nicht zuletzt das sich bis zur vierten Ausgabe steigernde Impro-Twittern des Ensembles trug dazu bei, dass sich immer mehr eine Art Handlung erkennen ließ.

In der Community war hingegen zu beobachten, dass von Sonntag zu Sonntag Menschen ihre Twitterfreund_innen zum Twittertheater mitnahmen, Grüppchen entstanden und dadurch auch immer mehr Sidedialoge, wie man gut in der vierten Videozusammenfassung sehen kann. Und auch Menschen, die sich zuvor noch nie begegnet waren, begegneten einander unter dem Hashtag von #wunschvorstellung zu #wunschvorstellung und wurden so etwas wie alte Bekannte. Wie im Theater eigentlich. Ist das nicht schön?

Twitter Eindrücke aus #wunschvorstellung

Einige Twitter-Eindrücke aus #wunschvorstellung

Hast du Fragen zur #wunschvorstellung? Stell sie uns in den Kommentaren, wir beantworten sie gern.
Wir freuen uns auch über euer Feedback!


Episoden der #wunschvorstellung


Linkliste
Ankündigung Burgtheaterwebsite #wunschvorstellung
Episodenguides Was (nicht) geschah auf der Burgtheaterwebsite
Einladung #vorstellungsänderung auf der Burgtheaterwebsite


Eine Antwort zu “#wunschvorstellung, retrospektiv

  1. Liebe Anne,
    ich finde es klasse, dass du hier den Blick hinter die Kulissen gewährst und deine Erkenntnisse aus der #wunschvorstellung beschreibst. Mir hat das Format richtig gut gefallen! Es hat auf so vielen Ebenen funktioniert. Ja, die Nebengespräche fand ich auch grandios!!! Aber eben auch, dass man mit den Theatermenschen interagierte, die Akteure auf Tweets reagiert haben. Und dann noch die Twitter-Lesung am Ende! Das fand ich stark. Denn es machte auch deutlich, dass ihr beim Burgtheater uns gesehen habt. Und das ist doch irgendwie auch ein kleiner Vorteil gegenüber dem analogen Bühnengeschehen – da ist man ja doch mehr anonyme Zuschauermasse im dunklen Raum. Also: Chapeau! für dieses tolle Theater-Erlebnis.
    Herzliche Grüße von Anke

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