Verschoben auf unbestimmte Zeit. Schauspielen in Zeiten der Pandemie

von Marc Lippuner //

Seit einem Jahr sind die Theater geschlossen, die zehn Wochen der Öffnungsmöglichkeiten im Herbst waren geprägt durch strengste Hygienekonzepte, ausgedünnte Sitzreihen und ein zögerliches Publikum. Auch Dreharbeiten finden kaum statt. Bei den staatlichen Hilfspaketen fallen Theater- und Filmschaffende, die zumeist soloselbstständig sind oder nur projektbezogen angestellt werden, vielfach durchs Raster, weil sie unregelmäßig verdienen, weil sie keine Betriebskosten abrechnen können oder weil sie keinen Steuerberater haben. Kurzarbeitergeld kommt für sie nicht in Frage, stattdessen wird ihnen nahegelegt, Hartz IV zu beantragen und über einen Berufswechsel nachzudenken. Für die wenigsten ist das eine Option.

Andreas Nickl und Heike Feist © Pavol Putnoki

Normalerweise ist Heike Feist das ganze Jahr unterwegs. Landauf, landab. Entweder als Solodarstellerin mit den Stücken Cavewoman und Alle Kassen, auch privat oder mit Kollegen, um ihre selbstproduzierten, für zwei Personen konzipierten Biografien für die Bühne zu zeigen, Abende über Tucholsky, Ringelnatz oder Hildegard von Bingen. Einer ihrer Partner ist Andreas Nickl. Dieser spielt nicht ganz so viel Theater, steht dafür aber oft vor der Kamera, dreht unter anderem für die Rosenheim-Cops, Charité oder Morden im Norden.
Seit einem Jahr ist alles anders.
„Corona tauchte bei mir beim Drehen auf“, erzählt Andreas. „Also nicht direkt. Eher als nicht ernst genommene Verrücktheit, uhh, plötzlich will einem keiner mehr die Hand geben… das war Ende Februar.“ Am letzten Tag vor dem Lockdown hatte er noch in München Theater gespielt, da kam aber nur noch die Hälfte der Leute, weil die Verunsicherung schon sehr groß war. Eine sehr spezielle Vorstellung sei das gewesen: „Die Zuschauer durften nicht mehr eng beisammen sitzen, aber wir sangen und spielten Saxophon nur einen Meter von ihnen entfernt.“ Dann ging alles sehr schnell: Alle weiteren Vorstellungen fielen aus. Auch für Heike. 23 Veranstaltungen wurden ihr im ersten Lockdown, der sich für die Bühnen bis in den Sommer zog, abgesagt. Die Beiden beantragten 5 000 € Soforthilfe vom Land Berlin und bekamen sie auch.

Zeit für neue Projekte
Nach einer kurzen Zeit der Schockstarre stürzten sie sich in neue Projekte. Heike schrieb eine weitere Biografie für die Bühne, diesmal über Karl Valentin und Liesl Karlstadt, zugleich machte sie ihre anderen Zweipersonenstücke corona-tauglich, inszenierte sie auf gebotene Distanz um und strich Requisitenübergaben, um mit der Wiedereröffnung der Theater sofort spielbereit zu sein. Andreas absolvierte derweil erstmals eine Casting-Lesung via Zoom: „Die Beteiligten waren von Schweden bis Wien verteilt, das war aufregend und lustig und hat gut funktioniert.“ Ende April traf er sich mit einer ARTE-Redakteurin, um über einen Dokumentarfilm in Israel zu sprechen. Das Projekt wurde immer wieder verschoben, im Moment hofft Andreas auf den Sommer: „Aber wenn wir Pech haben, will ARTE das Projekt nicht mehr.“

Andreas Nickl und Heike Feist © Pavol Putnoki

Spielen unter Corona-Bedingungen
Im Juli drehten sowohl Heike als auch Andreas erstmals unter Corona-Bedingungen. Mit Abstandhalten, regelmäßigen Corona-Tests und Hygiene-Beauftragten am Set. Im Herbst, nachdem die Theater wieder öffnen durften, spielten sie zusammen zwei corona-kompatible Vorstellungen vor corona-kompatibel gesetztem Publikum. Heike stand noch sieben weitere Abende im September und Oktober auf der Bühne. „Mehr als 20 wären geplant gewesen“, erzählt sie, „wurden jedoch schon im Sommer abgesagt. Wegen fehlender Planbarkeit und weil es für ein nicht subventioniertes Theater nicht wirtschaftlich ist, wenn nur 20 Prozent der Plätze verkauft werden dürfen.“ Dafür zeigten Andreas und Heike ihren Ringelnatz-Abend einmal vor der Kamera. Als Amuse-Gueule eines Online-Firmen-Events. „Das war ein enormer technischer Aufwand für uns, aber jetzt können wir auch das“, grinst Andreas. „Das hat echt Spaß gemacht und kam auch gut an“, ergänzt Heike. „Aber man merkt eben auch: Live ist live und nicht ersetzbar.“ Doch mit Auftritten kann sie erst einmal nicht rechnen, im November schlossen die Theater erneut auf unbestimmte Zeit. „Bis Ostern ist wieder alles gecancelt, ich kriege inzwischen Absagen bis Juni rein“, erzählt Heike. „Keine Ahnung, wann ich überhaupt wieder auf die Bühne darf.“ Im Dezember bekamen die Beiden jeweils ein Stipendium über das #TakeCare-Programm des Fonds Darstellende Künste, das ihnen ermöglicht, gemeinsam für ein weiteres biografisches Bühnenprojekt zu recherchieren – Anecken mit Heine soll es heißen.

Undurchsichtige Finanzhilfen
Von der Novemberhilfe des Bundes, die Heike beantragt hat, wurde bislang nur ein Abschlag ausgezahlt, niemand weiß, wann und ob die restliche Summe überhaupt überwiesen wird. „Diese ganzen Anträge sind extrem undurchsichtig und schwierig zu verstehen – selbst für Steuerberater“, meint Heike. „Oft fallen Soloselbstständige durchs Raster, z. B. bei den Überbrückungshilfen, da wir keine Betriebskosten haben, aber nur diese angerechnet werden dürfen.“ Davon unterkriegen lassen sich Andreas und Heike nicht, sondern investieren die unfreiwillig freie Zeit in die Zukunft. Zur Zeit proben sie das Valentin-Karlstadt-Stück, das eigentlich kompakt im August und September erarbeitet werden sollte. So entzerren sie die Probenzeit, damit sie den Sommer auch dafür haben, um ihre anderen Stücke wieder „hochzuholen“ oder um zu drehen. Denn beide haben ab Herbst die Kalender wieder voll mit Terminen. Landauf, landab.

Marc Lippuner im Gespräch mit Andreas Nickl und Heike Feist © Pavol Putnoki

Dieser Beitrag entstand für die Kultur-Sonderseiten
des Stadtmagazins mein/4, Ausgabe März – Mai 2021.
Die Extra-Beilage kann man hier durchblättern.

Fotos: Pavol Putnoki

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