10 Gründe, die Buchmesse zu lieben (oder auch nicht)

Ein persönlicher Rückblick auf die Frankfurter Buchmesse 2017 von Marc Lippuner //

Vor zwei Jahren war ich zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse. Zum Abschluss des halbjährigen #quer20-Jubiläumsprojekts machte ich mit einem Ausstellerausweis des Querverlags und einer Nominierung für den Virenschleuderpreis erstmals den Messewahnsinn mit, und mir war ziemlich schnell klar, dass ich hier immer wieder herkommen möchte.
Vergangenen Sommer durfte ich im Vorfeld der Buchmesse auf Bloggerreise zum Ehrengast Flandern/Niederlande fahren, und diese Eindrücke trugen mich sechs Wochen später spezialwissend und gastlandbelesen über die #fbm16.
In diesem Jahr fehlte mir der konkrete Anlass. Die Festanstellung als Leiter der WABE lässt leider wenig Zeit für Kulturfritzen-Projekte und auch zum Lesen komme ich kaum. Nichtsdestotrotz wollte ich wieder nach Frankfurt und habe mir dafür extra Urlaub genommen. Es gab Freunde, die hielten mich deswegen für bekloppt. Aber es war die Reise wieder absolut wert, und so kristallisieren sich für mich im Nachhinein zehn Gründe heraus, die Frankfurter Buchmesse zu lieben. (Anderen mag es da anders gehen.)

[1] Ankommen

kulturfritzen fankfurter buchmesse 2017 eingang

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Mit diesem aus dem Kontext gerissenen Hesse-Vers im Kopf betrat ich am Dienstag, den 10. Oktober, am frühen Nachmittag die Halle 4. Der verlegte Teppich war noch durch Folien geschützt, die meisten Messestände nackt und leer. Regalbretter lagen herum, Kartons stapelten sich auf Paletten, eine Kreissäge schrie, Gabelstabler schoben blinkend Mülltonnen durch die Gänge. Hier und dort dekorierten Verlagsmenschen schon Bücher in die Regale, hin und wieder schallte eine automatische Ansage durch die Halle, dass der Aufbau bis 24 Uhr beendet sein müsse.
Am Stand des Querverlags wartete ich auf Jim Baker, den Gründer und Geschäftsführer des kleinen Berliner Verlags, um ihn bei der Einrichtung zu unterstützen. Das gemeinsame Bekleben der Wände, das Aufhängen der Plakate, das Anbringen der Klemmleuchten, der Kampf mit den zu kurzen Kabelbindern, das Zusammenbasteln des mittlerweile recht wackeligen Papp-Pultes sowie das Einräumen der Neuerscheinungen in die eingehängten Regale ist ein Auftakt, der ganz wunderbar auf die folgenden Tage einstimmt, und mir deutlich zeigt, wie sehr ich es mag, mit Freunden zusammenzuarbeiten.

Mit Dreck unter den Fingernägeln, aber einer zwischen Euphorie und Ermattung changierenden Grundstimmung, feierten wir gegen 17 Uhr am nahegelegenen BuchMarkt-Stand mit Butterbrezeln und Altbier zusammen mit vielen anderen aufbauenden Verlagsmenschen unser Tagwerk.

[2] Standdienst

kulturfritzen frankfurter buchmesse standdienst 03Da ich – wie in den letzten beiden Jahren auch – mit einem Ausstellerausweis des Querverlags auf der Messe ein- und ausgehen durfte, verpflichtete mich das zu gelegentlichem Standdienst, vor allem dann, wenn Jim Baker mal auswärts Termine hatte. Ich hatte das aktuelle Programm des Verlags (im Jahr erscheinen etwa ein Dutzend Bücher) gelesen und fühlte mich dementsprechend gut gewappnet, um Interessent_innen Auskunft zu geben und Bücher zu empfehlen. Nun tue ich so etwas gemeinhin lieber im Netz, aber in Hemd und Weste und Direktkontakt macht dies ein paar Tage im Jahr tatsächlich auch Spaß. Den Stand teilte der Querverlag sich in diesem Jahr mit dem Ylva-Verlag, so dass auch dann was los war, wenn gerade kein Publikum den Gang entlangströmte. Darüber hinaus gab es zahlreiche altbekannte Besucher_innen, die einem Kekse oder Kaffee vorbei brachten, allen voran die Querverlagsautorin Inge Lütt, die etwa genauso viel Standdienst machte wie ich und nicht nur eine Zitateschleuder, sondern auch ein wahres Verkaufstalent ist. Der Stand des Querverlags ist also seit Anbeginn so etwas wie meine Homebase auf der Buchmesse, auf der man sich ja schnell mal verloren fühlen kann.

[3] Neue Bücher

kulturfritzen frankfurter buchmesse neuerscheinungenMich erschlägt die Masse an Büchern jedes Jahr aufs Neue. Als bibliophiler Mensch lasse ich mich durch die Hallen treiben, die schönsten Buchcover betrachten und berühren, die opulentesten Bildbände durchblättern und innerlich aufseufzen, dass das Leben einfach zu kurz ist, um alles auch nur anzulesen, was schön aussieht oder interessant klingt.
Und so ging ich gezielt heran, fragte nach Lektüreempfehlungen für den #Musikbuchmontag der WABE, schaute, welche Bücher aus dem Niederländischen neu in Übersetzung vorliegen (Nachwehen der oben erwähnten Bloggerreise) und sammelte kulturfritzentaugliche Rezensionsexemplare. Der Stapel auf dem Foto zeigt die Bücher, die ich direkt in die Hand gedrückt bekam, einige folgen in den nächsten Tagen per Post. Bis Weihnachten dürfte ich eigentlich nur mit dem Lesen von Neuerscheinungen beschäftigt sein.

[4] Gastland

kulturfritzen frankfurter buchmesse gastland frankreich

kulturfritzen frankfurter buchmesse edouard louisDas Schöne am Konzept der Frankfurter Buchmesse ist ja, dass es ein Gastland gibt. Und das schon seit 1988.
Für ein Jahr rücken in vielen deutschen Verlagshäusern die jeweiligen Gastländer in den Fokus, Autor_innen werden entdeckt, deren Texte sonst vielleicht nie in deutscher Übersetzung vorlägen. In diesem Jahr stand Frankreich im Fokus, und es gab einiges zu entdecken, wenngleich die Verlage sich an den Ständen eher zurückhaltend mit ihren Gastland-Novitäten präsentierten. Eine Tresenwand bei DuMont zierten Schwarz-Weiß-Portraits ihrer französischen Autor_innen, bei S.Fischer prangte ein Foto von Édouard Louis, dem Shooting-Star der französischen Literatur, auf dunklem Holz. Wagenbachs Schwerpunkttitel Faber war plakatiert, Tristan Garcia, der Name des Autors, ließ jedoch nicht gleich Rückschlüsse zu, dass es sich hier um eine gastlandkonforme Novität handelt. Dafür gibt Wagenbach jedes Jahr eine eigens gestaltete Sonderedition zum Ehrengast heraus, in der es stets literarische Perlen zu entdecken gibt. Eine ganz wunderbare Idee, wie ich finde.
Um einen Überblick über die Neuerscheinungen aus dem Französischen zu erhalten, lag allerorts ein knapp 100-seitiger Katalog aus. Den habe ich im Netz nicht finden können, eine nach Autor_innen sortierte aktuelle Übersicht gibt es jedoch hier.

[5] Gastland-Pavillon

Das Herz des Auftritts des Ehrengastes auf der Messe ist der Gastland-Pavillon mit einer eigens konzipierten Ausstellung und einem vielfältigen Programm mit Lesungen, Diskussionen und Performances auf einer integrierten Veranstaltungsfläche. Die Gestaltung des Pavillons durch Flandern und die Niederlande im vergangenen Jahr habe ich sehr zu schätzen gewusst. Ein Raum mit großflächigen Projektionen der holländischen Küste, in dem die Bücherregale und Aktionsflächen hinter den stoffgespannten Horizonten verschwanden, gedämpftes Licht, einige Liegestühle. Ein Ort zum Verweilen und Entspannen, eine Fluchtmöglichkeit vor der Hektik des geschäftigen Treibens in den Messehallen.
Der Frankreich-Pavillon bewirkte das Gegenteil. Holzregale in Skelettkonstruktion, labyrinthartig angeordnet, vollgestopft mit französischen Büchern, Beschriftungen in Neon-Orange, die grobe Orientierung bieten sollten, Tageslicht, das durch die beschrifteten Scheiben fiel und noch mehr Unruhe verbreitete als die Lautsprecher, welche die Podiumsdiskussionen durch den ganzen Raum verbreiteten, es eh schon taten. Kein Wohlfühlort. Keine Rückzugsmöglichkeit. Mir hat es dort dieses Mal überhaupt nicht gefallen, und ich bin gespannt, was Georgien sich nächstes Jahr einfallen lässt.

[6] Veranstaltungen

Zu jeder Messe gehören Veranstaltungen. Und zwar jede Menge. Auf der Messe selbst und abends auch drum herum.

Kommen wir zuerst zu den Veranstaltungen während der Messe. Es gab große Bühnen, wie die von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, an denen immer was los ist, weil die Prominenz sich im viertel- oder halbstündigen Takt die Mikrofone in die Hand gibt. Es gab Sonderveranstaltungsflächen wie THE ARTS+ oder den Orbanism Space, an denen aktuelle Trends der Kreativ- und Digitalwirtschaft vorgestellt und diskutiert wurden. Hier gab es VR zum Ausprobieren, YouTube-Stars anzuhimmeln und ausreichend Gesprächsraum für Blogger und Self-Publisher. Kleine Verlage hatten auch ihre Bühnen. Für schätzungsweise ein paar hundert Euro konnten hier Lesungen, Programmpräsentationen oder Podiumsdiskussionen veranstaltet werden. Leider sah ich selten mehr als fünf Leute dort verweilen. So lässt sich zwar ein „Ich habe auf der Frankfurter Buchmesse gelesen“ halbwegs günstig erkaufen, der Effekt einer Lesung in einer lokalen Buchhandlung scheint mir jedoch um einiges preiswerter und wertvoller.

Für geladene Messebesucher_innen richten die großen Verlage abends Empfänge aus. In diesem Jahr war ich das erste Mal zu so etwas eingeladen. Für mich gehörte dieser Abend mit zu dem Merkwürdigsten, was ich während der Buchmesse erlebt habe, vielleicht deshalb, weil ich nicht aus der Verlagsbranche bin. Hunderte von gutangezogenen Menschen tummelten sich an den Buffets und der Bar, viele davon hatten sicher den ganzen Tag schon auf der Messe Dienst geschoben, nichtsdestotrotz wurde sich noch einmal frisch gemacht und hier aufgekreuzt. Es wurde nur geredet. In Klein- und Kleinstgruppen. Mir kam zu Ohren, dass auf genau diesen Veranstaltungen Karrierenweichen gestellt und Aufstiegsmöglichkeiten sondiert werden. Verlagsempfangseinladungen sind also, das weiß ich jetzt, das Must-Have auf der Frankfurter Buchmesse. Mein Must-Have waren ein kühles, frischgezapftes Bier, ein paar belegte Brötchen und ein Stuhl, der irgendwann frei wurde. Denjenigen, der mich eingeladen hat, habe ich übrigens überhaupt nicht gesehen – erst am Tag danach am Messestand.

kulturfritzen frankfurter buchmesse lesenachtVorrangig an Frankfurter_innen und Nicht-Messe-Besucher_innen richten sich die Lesungen, die im Messezeitraum abends in Frankfurt selbst stattfinden.
Ich war am Sonnabend auf der Lesbisch-schwulen Lesenacht im Lesbisch-schwulen Kulturhaus. Seit 15 Jahren gibt es dieses Event, mittlerweile hat es aufgrund seines ganz eigenen Charmes (manche mögen ihn skurril, andere schnodderig nennen) irgendwie schon Kultcharakter. Wären nicht stets auch Querverlagsautor_innen dabei, ich würde vermutlich nicht hingehen… letztlich schmunzele ich aber Tage später noch über die Kombination aus gelesenen Texten, lesenden Autor_innen und schnippischen Moderationen in topfpflanzendekoriertem Ambiente.

[7] Freunde treffen

Buchmesse heißt auch: Freunde und Bekannte treffen. Vor allem jene, die bei anderen Verlagen arbeiten. Oder Buchhändler, die ich mittlerweile kenne. Oder Wibke Ladwig, die ich hier das erste Mal traf (2015 bei Brezeln und Bier am BuchMarkt-Stand übrigens), und die ich eigentlich auch nie woanders treffe, außer im Netz natürlich. Einige habe ich leider nicht gesehen: Egal wie oft ich am Orbanism Space vorbeigeschaut habe, Leander Wattig war immer dann nicht da. Jochen Kienbaum, den ich letztes Jahr auf der Bloggerreise durch Flandern und die Niederlande kennengelernt habe, flitzte mehrfach so zielstrebig an mir vorbei, dass ich mich ihm nie in den Weg werfen konnte. Und einen Bekannten, den ich jahrelang aus den Augen verloren hatte, traf ich zufällig am Frankfurter Hauptbahnhof – auf dem gemeinsamen Weg zurück nach Berlin.

[8] Alkoholpegel

kulturfritzen fankfurter buchmesse 2017 gin tonic 02Wenn man will, kann man die Buchmesse ab dem späten Vormittag in alkoholnebeliger Glückseligkeit verbringen. Jim Baker hat das in seinem obligatorischen Messerückblick dieses Mal zum Thema gemacht: Der erste Gin Tonic (mit Gurke) statt Mittagsmahl, der zweite statt Kuchenessen. Dies alles mit freundlicher Unterstützung eines namhaften Gin-Herstellers, der seinen äußerst dekorativen Stand fatalerweise direkt neben den Toiletten hatte, die man ja doch ab und an aufsuchen musste. Der traditionelle Sektempfang beim Querverlag und andere nicht ganz so traditionelle Einladungen zu Sekt und/oder Bier an anderen Messeständen sorgten dafür, dass man auf keinen Fall nüchtern das Messegelände verlassen musste. Diese alkoholhaltigen Events lassen sich übrigens hervorragend mit Grund [7] verbinden. So traf ich Wibke Ladwig und Stefanie Leo beispielsweise beim von Julia Graff organisierten Cocktail-Trinken am Stand des Hädecke-Verlags.

[9] #verlagegegenrechts

Der vorletzte Grund, die Frankfurter Buchmesse zu lieben, ist eigentlich auch einer, sie nicht zu lieben. Die Buchmesse und der Börsenvereins des deutschen Buchhandels haben in diesem Jahr ein blamables Statement abgegeben, in dem sie sich – auf die Meinungsfreiheit in einer demokratischen Gesellschaft berufend – nicht ausreichend gegen rechts positionierten.

Umso wichtiger ist die von Zoe Beck und Lisa Mangold schon vor längerem initiierte Kampagne #verlagegegenrechts, die sich für eine vielfältige und solidarische Verlagszene einsetzt und aufmerksam macht auf den Anstieg rechtsradikaler und rechtspopulistischer Publikationen. Eine Aktion, an der sich auch der Querverlag beteiligt. Auf der Buchmesse wurden mit Lesezeichen lesbare Zeichen gegen Rassismus und für Respekt gesetzt. Die regenbogenbunten Bookmarks am Stand des Querverlags waren schnell verteilt und wurden dankbar und mit Interesse angenommen. Ich empfehle, die Hashtag-Nachlese #verlagegegenrechts.

kulturfritzen fankfurter buchmesse 2017 verlagegegenrechts
Was nun folgt, bleibt abzuwarten oder noch besser: aktiv zu gestalten. Dass linke Verlage die Buchmesse boykottieren, wie einige fordern, halte ich für unwahrscheinlich und auch für falsch. Dass die Buchmesse rechte Verlage ausschließt, halte ich für unwahrscheinlich. Also braucht es weiterhin konzertierte Aktionen, laute und leise, um gegen rechts Position zu beziehen.

[10] Unterkommen

Arm dran ist, wem die Firma während einer Messe nicht die Unterkunft bezahlt. Jemand, der ohne Firma anreist, ist ebenso arm dran. Es sei denn, er hat Freunde in Frankfurt, die noch ein Gästebett frei haben. Glücklicherweise geht es mir so und ich bin sehr dankbar darüber. Nicht nur über den kostenlosen Schlafplatz, sondern auch, weil es eine schöne Gelegenheit für ein Wiedersehen ist.
In diesem Jahr war es so, dass das Gästebett meiner Freunde übers Wochenende leider schon belegt war, und ich nach alternativen Ausschau halten musste. Diese führten mich zu meiner ersten Blogger-Kooperation mit einem Hotel, dem Innside Frankfurt Ostend. Damit ich diesen Blogpost hier nicht verbraucherschutzrechtlich als Werbung kennzeichnen muss, verlagere ich meinen Hotelbericht in einen separaten Blogbeitrag, den ich an dieser Stelle in Kürze verlinke.

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