Facebook Live – So ein Theater!

von Anne Aschenbrenner //

Rund ein halbes Jahr nachdem Facebook Live für jeden Facebook-User zugänglich ist, habe ich gemeinsam mit dem brut Wien getestet, welchen Mehrwert die Funktion für Theater haben kann. Dazu angeboten hat sich LOST_INN. staging grief, ein Projekt von hoelb/hoeb, das Performance und Ausstellung vereint. Vier Tage lang wurde das Theaterhaus in „einen Resonanzraum für das Thema Verlust“ verwandelt. In drei Livestreams habe ich davon vor Ort berichtet – um unterschiedliche Zugänge und Perspektiven einzufangen.

Am Anfang war das Smartphone

Quer oder gerade? Diese Frage bereitete mir das meiste Kopfzerbrechen bei meiner Vorbereitung, und als ich diese Frage an die Community weitergab, so erhielt ich, was wunder, ziemlich unterschiedliche Antworten. Es scheint hier regelrechte Verfechter von Hochformat zu geben, genauso wie die Gegenpartei, die Querfilmer, die vehement vom Breitbild überzeugt sind.

Nun ja, dachte ich, selber machen und herausfinden.

 Der Ablauf – in drei Teilen

Der erste Stream, ein Intro mit den Basisinfos zum Projekt, diente mir vor allem auch als Test, immerhin war es mein erstes Mal mit Facebook Live. Dieser erste Teil war gleich zweimal schräg: erstens hielt ich das Handy verkehrt, was ich während der Aufnahme nicht bemerkt habe, da es normal angezeigt wurde. Schräg war aber auch der Ort: ein Fuhrpark aus Leichenwagen vor dem Theaterhaus am Karlsplatz war Teil der Installation. Der Bestatter war so nett und ließ mich direkt aus dem Leichenwagen berichteten.

facebook live kulturfritzen 1

Für den zweiten Teil hatte ich ein Gespräch mit Anja Quickert, der Dramaturgin des Projekts, geplant. Ich wollte, dass die Zuseher_innen durch Anjas Erzählungen einen Einblick in die einzelnen Teile der Installation und die Geschichten dahinter bekommen. Für diesen Teil hatte ich ein Helferlein (danke Reinhard!), das mir half, die eingehenden Fragen zu moderieren. War ich im Auto mit dem Smartphone ganz alleine, so hatte ich hier neben Reinhard auch den Laptop vor mir.

facebook live kulturfritzen 2

Im dritten Teil wollte ich direkt einen Eindruck aus der Ausstellung vermitteln. Was mir bei Snapchat ganz gut gelingt, erwies sich hier als herausfordernd und schwierig – live bedeutet in einem langen Atemzug zu berichten. Und das zu planen ist schwierig. Professioneller wäre es gewesen, ein besseres Stativ zu haben, mehrere Leute an verschiedenen Orte zu platzieren und zu befragen. So hatte ich „nur“ eine zu später Stunde schon sehr leere Ausstellung und Friedl Nussbaumer, den Gründer des Names Project Vienna. Der schildert hier auf eine persönliche Art und Weise über den Hintergrund der berühmten AIDS-Memorial-Quilts, Trauerbewältigung wird hier auch zu einem politischen Statement. Mit Snapchat wäre hier ein sehr intensiver lebendiger Beitrag gelungen – die Möglichkeit zu schneiden und zu kuratieren fehlt. So ergeben sich im letzten Stream (mitunter durchaus peinliche) Momente der Stille, bis ich mich schließlich dazu entschloss, den Stream zu beenden.

facebook live kulturfritzen 3

Was danach geschah

Motiviert und ermutigt durch unsere drei Streams hat auch das Theaterhaus selbst das abschließende Gespräch zum Projekt LOST_INN. staging grief via Facebook Live übertragen. Das freut mich. Immer wieder bemerke ich in Gesprächen mit Kolleg_innen (vor allem aus Theaterhäusern), dass die Lust am Experimentieren da wäre, letzten Endes aber die Angst, etwas „falsch“ zu machen, siegt. Ich finde aber, es darf durchaus etwas daneben gehen, wenn man es nicht dabei belässt, sondern weiter probiert.

Den Stream des brut könnt ihr hier nachsehen – und ja, es ist verwackelt. Aber, was soll´s? Das nächste Ding, was man im brut anschafft, da wette ich, ist ein Stativ. 😉

Und nun?

Zunächst einmal freue ich mich über weiteres Feedback und gerne auch weitere Ideen und Beispiele, wie Andere kulturelle Themen via Facebook Live ins Netz tragen.

Und dann hoffe ich freilich – unser Kulturfritzen-Herzensanliegen –  durch neue digitale Erzählformate neue Perspektiven und Zugänge zum Medium Theater zu schaffen.
Vor allem aber: Danke fürs Zusehen und für alle guten Ratschläge, die richtig guten und die gut gemeinten! 😉

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5 Antworten zu “Facebook Live – So ein Theater!

  1. Hm. An so ein Langformat habe ich schon andere Ansprüche, als bspw. Kurzvideos via Snapchat oder Intagram, wo man rumspielen, experimentieren und improvisieren kann.
    Hier würden ein paar Filmemacher-/Kameramensch-Skills helfen. Eine in einer Einstellung wackelig abgefilmte Podiumsdiskussion ist echt langweilig. Da ist dann das Fernsehen schon der Maßstab, wo solche statischen Formate immer mit mehreren Kameras und Einstellungen gedreht werden. (Und es eine Live-Regie gibt!)
    Der Ton ist auch immer ein großes Problem. Man versteht (hier) einfach nichts.
    Ich persönlich verstehe auch den Live-Hype nicht, wir beerdigen doch gerade das linieare Fernsehen. Ich mag mir die Dinge angucken, wenn ich Zeit und Lust dazu habe. Andererseits sind Verknappung und Exklusivität natürlich auch probates Mittel. 😉
    Probiert auf jeden Fall weiter rum und aus. Bewegtbilder sind ja grundsätzlich super.

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  2. Ich war eine der Zuschauerinnen und mag das Ausprobieren schon auch gerne. Ich fand es zum Beispiel klasse, dass ich mich direkt in das Gespräch mit der Kuratorin einschalten konnte. Hier liegt meiner Meinung nach der absolute Mehrwert von solchen Live-Videos.
    Aber die Überlegung von Ute, dass man nicht zwingend live senden muss, kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Man müsste sich mal überlegen, wann live tatsächlich sinnvoll ist. Gestern bei der Sprengung vom BonnCenter, da fand ich das sehr cool, Live-Videos zu sehen. Das ist eben dieser „Jetzt und dann nie wieder“ Effekt. Ansonsten wünsche ich mir auf jeden Fall mehr Bewegtbilder. Und gerne auch professionell gemachte kleine Dinge. Das muss ja nicht immer der Riesen-Aufwand sein. Ich erinnere hier an das geniale kleine Video vom Theater Dortmund mit der Anleitung zum Heulen. Ein bisschen professionelles Equipment ist sicher auch nicht schlecht. Stativ, klar. Gibt sicher noch viele Dinge, die sich optimieren lassen. Ich will auf jeden Fall noch mehr davon sehen.

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    • Liebe Anke, dankeschön! Es war fein, dass du zugeschaut hast. Für mich war das auch ein Test, wie weit ich es schaffe die Ausmerksamkeit zu teilen, im Gespräch zu haben und gleichzeitig die Fragen im Auge zu haben. Ich bin schon sehr multitasking geübt, wenn man twittert und snapchattet, seine Geschchte kruatiert und die User im Blick haben muss. Beim Lang-Live-Format erfordert das noch einmal eine andere Herangehensweise. Ein gewöhnliches Interview ist das längst nicht mehr. In der Tat wird man hier mehr ausprobieren müssen… und ich finde das schön. Eigentlich sind die Videos superpeinlich, ich mag sie gar nicht mehr anschauen. Aber man lernt unglaublich viel dabei. Und das ist Social Media: gemeinsam ausprobieren, nachdenken weitermachen!

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  3. Liebe Ute, dankeschön für deinen Kommentar. Der Grund für den Live-Hype ist sicher v.a., dass fb mit einer guten Reihung belohnt. Anzunehmen aber, dass das nicht mehr lange anhält, Konzepte zu erarbeiten wäre also genau jetzt wichtig. Ich denke aber schon, dass fb live durchaus ein bisserl rau sein darf. Ein Plan dahinter ist aber tatsächlich wichtig, und v.a. ein Mikrofon. Wie fb live im Theater , im Museum funtkionieren kann? Ich denke, wenn man Gespräche mit Expert_innen hat, wo man sich als Zuschauer_in einbringen kann, Fragen stellen kann. Insgesamt wie bei allen Social Media Formaten: ohne Konzept ist alles nichts. „Der Praktikant hat das freiwillig gemacht“ hieß es beim letzten #smskultur. Ausprobieren werd ich aber weiterhin – man muss ja herausfinden was wofür gut ist. LG aus Wien! Anne

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