Tratschen, schmökern, lesen

von Anne Aschenbrenner //

csm_msb_schriftzug_public_web_b645250057-1Ein großes, ein riesengoßes Haus, das analoge und virtuelle Räume verknüpft, das ist die Bibliothek der Zukunft, die ich mir mit Monika Reitprecht, der Frau fürs Digitale in den Büchereien Wien, ausgedacht habe.  Die Stadtbibliothek München lud zur Blogparade  #public, Internationalisierung von Städten, Digitalisierung und die Rolle der Bibliotheken mittendrin möchte man diskutiert wissen. Gemeinsam haben Monika Reitprecht und ich uns die Rosinen herausgesucht und bei Kaffee und Johannisbeersaft die Bibliothek der Zukunft entworfen.

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Foto (c) Marcus Gossler (Wiki Commons)

Die Meilensteine der Büchereien Wien hat Monika Reitprecht in ihrem bibliothekarischen Berufsleben eigentlich alle erlebt: in den späten 1990ern hat sie hier zu arbeiten begonnen, die Bücher entlehnte man mit papierenen, handbeschriebenen Ausweisen und Stempeln – wie vermutlich schon die Ur-Bibliothek organisiert war. Computer gab es damals nur in der Hauptbücherei und der zweitgrößten Zweigstelle in der Donaustadt. Wenig später gingen alle Büchereien ans Netz. Die Stelle, die Monika Reitprecht heute hat, „hätte noch vor zehn Jahren wenig Sinn gemacht“. So hatte sie  zunächst „lange einen Zwitterposten: halb Homepage, halb Bibliothekarisches“. Heute ist sie für alles Digitale zuständig: für die Lektoratsarbeit mit digitalen Medien, also e-Books oder digitale Hörbücher ankaufen und natürlich auch die Betreuung der Website und der Social Media Kanäle.

Diese Social Media Kanäle der Büchereien Wien, Twitter und Facebook, betreut Monika Reitprecht seit Jahren äußerst erfolgreich. Teile daraus fanden Eingang in ihr Buch: „Wo stehen hier die E-Books?“. Ob es die Social Media Kanäle sind, die zum Ansturm (man verzeichnete jüngst „tausende Neukunden“) auf die Wiener Büchereien führten, möchte  ich von Monika Reitprecht in meinem ersten Mail wissen. „So gerne ich das verifizieren würde – ich fürchte nur, es stimmt nicht..“, schreibt sie zurück. Im Amerling Beisl erklärt sie mir das bei einer Melange genauer: Einerseits wurden an den österreichischen Schulen die VWAs, die Vorwissenschaftlichen Arbeiten eingeführt, was dazu geführt hat, dass Schüler_innen verstärkt das Angebot der Büchereien nutzen. So werden auch Recherche-Workshops angeboten, die die Lehrer_innen gemeinsam mit ihrer Klasse besuchen: „man kann kaum die Nachfrage decken“. Auch Deutsch-Konversationsrunden für Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache offerieren die Büchereien Wien, „da rennen sie uns die Hütte ein“. Viele würden anschließend noch dableiben, tratschen, schmökern, lesen. Nicht zuletzt sieht Monika Reitprecht den Anstieg an Neukund_innen aber auch im digitalen Angebot:

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Monika Reitprecht, Foto (c) Hörschelmann

Die virtuelle Bücherei, die beschert uns auf alle Fälle neue Kunden. Da gibt es solche, die gar nicht mehr daran gedacht haben, dass es die Bücherei gibt, oder denen das Ausleihen zu unpraktisch war, weil keine Bücherei in der Nähe war oder die Öffnungszeiten unpassend sind.

Auch die Eröffnung der Hauptbücherei am Gürtel sieht Monika Reitprecht als Meilenstein in der Geschichte der (Wiener) Büchereien: „Das hat schon in vieler Hinsicht ein Zeichen gesetzt, dass es einfach nicht nur darum geht, Bücher hinzubringen und abzuholen, dass es mehr ist als nur eine Medienverleihanstalt“.

Man merkt, dass der Bedarf nach Platz in der Bücherei einfach da ist. Früher war es so: die Leute kommen, holen Bücher, geben welche zurück und gehen wieder. Viel anderes war früher aufgrund der Raumsituation auch gar nicht möglich. Und heute? Geh einmal durch die Bücherei am Nachmittag!  Jeder Platz ist besetzt, die Leute sitzen am Boden. Es wäre noch mehr Bedarf da. Warum das so ist? Es ist kein Konsumationszwang, es gibt Platz zum Lernen. Wir haben das vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund beobachtet. Gerade Mädchen aus traditionell muslimischen Familien, die haben mit der Bibliothek einen Ort, da dürfen sie alleine hingehen, da dürfen sie sein.

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Foto: Nathan Williams

Wenn man Monika Reitprecht nach der Bibliothek der Zukunft fragt, muss sie nicht lange überlegen: Es gibt noch mehr Platz. Es gibt viele von einander getrennte Räume, Lern- und Lesesäle und Bereiche für das Soziale. Auf keinen Fall darf ein „Makerspace“ fehlen, der letzte Schrei bei den Bibliothekar_innen, wie mir Monika Reitprecht erklärt, „ein Raum wo man irgendetwas maken kann, vom 3-D-Drucker bis zum Origami“. Mit einem charmanten Augenzwinkern, für das sie die Social Media Community so verehrt, fügt sie hinzu: „Ich hab schon überlegt, ob ich das bei uns auf die Klos draufschreibe, weil das so trendig ist. Ist ja auch ein Makerspace.“

Und Bücher?

Bücher natürlich auch. Haptische und virtuelle. Von Bibliotheken, die auch Disco sind und Post- und Passamt hält Monika Reitprecht gar nichts: „Wenn die Bibliothek zur totalen Beliebigkeit verkommt, das finde ich nicht gut“.

Stattdessen träumt sie von einer Welt, in der man E-Books ganz einfach an den Leser, an die Leserin bringen kann. Haptische Bücher und E-Books sind für Verlage nämlich nicht dasselbe:

Wir habend das Problem, wir können im Bereich E-Books nicht so ankaufen wie auch sonst. Im Prinzip sind wird  angewiesen, dass die Verlage so nett sind und uns Lizenzen verkaufen. Manche Verlage machen das einfach nicht. Dann gibt es einfach Verlage, da kostet eine Lizenz für 48 Monate 80 Euro.

Ist das so wie ein echtes Buch, das ich mir kaufe und  dann nur für 48 Monate haben darf?

… und dann ist es hin. Genau!

Die Bibliothekstantiemen erklärt mir Monika Reitprecht, sind bei E-Books nicht geregelt. – Noch! sagt sie und spielt damit auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Gleichstellung von E-Books an. (Berichte und mehr Infos dazu finden sich zum Beispiel auf orf.at oder beim Büchereiverband Österreichs.)

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Hauptbücherei Wien, Foto (c) Stadt Wien, MA13, Hubert Dimko

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Foto (c) Manfred Seidl

Eine Bibliothek der Zukunft hat dies alles schon geklärt. Es gibt Begegnungsräume, Lernorte und, ja genau, den Makerspace. Damit auch die virtuellen Bücher vor Ort, nämlich in der Bibliothek, gelesen werden können, gibt es auch E-Reader, vielleicht sogar zum Ausleihen. Die virtuelle Bücherei würde auch Streaming-Dienste in ihrer App vereinen, Musik („Wir haben mal bei Spotify angefragt, aber die waren nicht interessiert“) genau wie Filme. Am Wochenende treffen wir uns im Bibliotheks-Café, das nicht auf dem Dach untergebracht ist, sondern mitten in der Bibliothek – und das geht, denn die Öffnungszeiten passen zu unserem Städterleben. Und wochentags, am Heimweg von der Arbeit könnten wir durch die eine App (momentan gibt es drei) scrollen oder – das ist nun mein Traum: wischen. Wie bei Tinder kann ich die Suche voreinstellen, nach Autoren oder Themen suchen. Das Cover präsentiert sich mir, tippe ich darauf, erhalte ich den Klappentext, wische ich nach links, stelle ich es zurück, wische ich nach rechts, kommt es in mein virtuelles Bücherregal. Lesen kann ich es analog oder digital, Freund_innen kann ich es mit einem Wisch-Klick empfehlen.

Ich glaube, dass das gut funktionieren würde, sagt Monika Reitprecht.

Warum haben wir das dann eigentlich nicht?, frage ich zurück.

Es ist natürlich auch eine Geldfrage, antwortet sie.

Herr Ober, zahlen bitte!

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