Reizblase Twitter

Das Reizwort des diesjährigen stARTcamps in München war – so schimmert es auch in der Nachlese durch – das Kompositum Twitterblase, alternativ gern auch als Filterblase bezeichnet.
Als ambitionierter Social-Media-Marketing-Frischling hab ich mal versucht, das Phänomen, das manche als Problem bezeichnen, zu skizzieren.

Samstag, 25. April 2015, 9:30 Uhr, Literaturhaus München. Etwa 120 Menschen sitzen zusammen in einem Raum und ballern sich – jede_r drei – mäßig originelle, als Hashtag getarnte, Selbstbeschreibungen um die Ohren. Was in Kontaktanzeigen einst charakterbeschreibende Eigenschaften waren – „sanftmütig“, „ehrlich“, „verständnisvoll“ oder – ganz wichtig – „treu“ – sind am Samstagvormittag Namen hehrer Kultureinrichtungen oder Phänomene des digitalen Zeitalters. Die #Pinakotheken geben den #BloggerRelations das Mikro in die Hand, die reichen es ans #Brechtfestival weiter, ans #MartaHerford oder an #AugmentedRealityApps.
Mehr als 90 Prozent dieser 120 offenbar kultur- und/oder zumindest technikaffinen Menschen haben ein Smartphone oder Tablet in der Hand und twittern, wenn sie der Person neben sich nicht gerade erfreut zuraunen, „Na endlich hab ich mal ein Gesicht dazu.“ Diese Menschen, die sich alle irgendwie kennen – auch wenn es nur über Twitter ist – treffen sich also mehrfach im Jahr, um … sich zu treffen.

FullSizeRenderEin bisschen absurd ist das schon! Da kommen Menschen zusammen, die sich nur auf solchen Veranstaltungen ins Gesicht schauen: Die wesentliche Kommunikation findet das restliche Jahr in den sozialen Netzwerken statt, vornehmlich auf Twitter. Man favt und retweetet sich, man kommentiert, verweist auf die Blogposts der anderen und kommentiert pflichtbewusst.
Das also ist – irgendwie heruntergebrochen – die Filterblase: Man schmort im eigenen Saft und beweihräuchert sich gegenseitig: Die Kulturschnuppis feiern sich selbst und ihre Social-Media-Aktivitäten, deren Erfolg an Reichweiten, Erwähnungen und Followerzuwachs gemessen wird.

Immerhin haben einige das Problem erkannt. Während neue stARTcamp-Besucher wie ich noch die Möglichkeit des Netzwerkens loben und auf Erkenntnisse aus den Vorträgen, Gesprächen und Diskussionen mit den Mehrfach-Teilnehmern hoffen, erkennen ebenjene Mehrfach-Teilnehmer in der Runde bereits eine „vernetzte Selbsthilfegruppe“, die sich fragt, für wen sie eigentlich twittert. Nur für sich selbst?

Aber nein! Sage ich.

Ich halte mich selbst für den besten Beweis, dass die Haut dieser ominösen Filterblase durchaus durchlässig ist. Zwar war ich vor #myrembrandt als Theatermacher durchaus schon kulturaffin, und ich war auch irgendwie social-media-addicted, beides in der Teilhabe als partizipatives Erlebnis miteinander verknüpft zu sehen, eröffnete mir jedoch noch einmal ganz neue Zugänge: Zur Kunst und zu den sozialen Netzwerken. Ja, mehr noch: Es weckte in mir den Wunsch, mich beruflich breiter aufzustellen. Kurzum: Die Kulturfritzen sind eine logische Folge aus der #myrembrandt-Aktion. Die Filterblase hat mich geschluckt.

Natürlich ist mir bewusst, dass meine Rückbindung von der Rembrandt-Kopie auf die Pinakotheken und das Original-Gemälde überdurchschnittlich folgenreich war.

Das lag an den besonderen Umständen der Chinareise, an Ai Weiwei natürlich auch, an meinem Gestaltungswillen, an meinem ziemlich ausgeprägten Interesse für Kultur. Nicht jeden Teilnehmer einer Social-Media-Kultur-Aktion wird man zum Kulturnerd machen, nicht jeden wird man erreichen, wichtig aber ist doch, dass man weitermacht und es versucht!

Dass es funktioniert, ist erwiesen: Das #Lustwandeln der Kulturkonsorten hat dafür gesorgt, dass guerillamäßig andere Menschen zeitversetzt durch Nymphenburg liefen, dass zeitgleich nicht nur in Aachener oder Berliner Landschaftsgärten ebenfalls flaniert wurde, so dass alle Erkenntnisse in einem riesigen wissensgesättigten Materialpool zusammenliefen.

Und das sollte dann auch der eigentliche Anlass sein, dass Menschen, die auf diese Weise etwas erreichen wollen, die auf diese Weise Menschen außerhalb der Filterblase erreichen wollen, sich nicht nur über Twitter kennen, sondern sich gemeinsam vor Ort miteinander vernetzen, um Ideen auszutauschen und Strategien zu entwickeln. Natürlich steht die Frage im Raum, ob 45-minütige Sessions dafür wirklich geeignet sind. Ich habe sie eher genutzt, um neue Dinge zu entdecken, Informationen zu vertiefen, mich über meine Einwürfe vorzustellen und zu positionieren. Projekte digital weiterzudenken, dafür blieb Samstag keine Zeit. Aber vielleicht reichte diese Zeit aus, um bis zum nächsten stARTcamp via Twitter und Blogposts Ideen reifen zu lassen und Zusammenarbeiten vorzubereiten.

Denn das nehme ich als wichtige Erkenntnis aus dem Wochenende mit, und Aktionen wie #myrembrandt, #Lustwandeln oder die international eingeschlagene #Museumweek zeigen es auch: Wenn 120 Menschen mit 5000 Tweets 6,7 Millionen Eindrücke hinterlassen können, dann geht es vielleicht gar nicht darum, die Blase platzen zu lassen, sondern einfach nur darum, sie immer weiter aufzublasen.

// (ml)

Link
Linkboard der Kulturkonsorten zum #scmuc15

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Update (28.4.2015)
Wibke Ladwig hat sich in einem lesenswerten Blogpost über die Liebe zum eigenen Netzwerk geäußert. Ganz wunderbar bringt sie das auf den Punkt, an was ich mich heute nacht versucht habe heranzuschreiben.

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13 Antworten zu “Reizblase Twitter

  1. Lieber Marc,

    vielen herzlichen Dank für deine Nachlese und auch dafür, dass du uns den Anspruch einer Selbsthilfegruppe nimmst *hihihi* – tut gut!
    Tatsächlich lernte ich dich über #myrembrandt und später über #kultTipp mit deinem herrlichen Beitrag kennen. Und absolut genial war dann deine Teilhabe in Berlin zum #lustwandeln – ein herrlicher Guerilla-Tweetwalk.

    Und dann warst du endlich bei mir in Nymphenburg, leider vergaßen wir ein Selfie während unseres Lustwandelns im Park zu machen – holen wir bei Gelegenheit noch nach!

    Freue mich auf deine Kulturideen und unterstütze dich dabei gerne, habe ja bald mehr Zeit 😉

    Herzlich,
    Tanja

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    • liebe tanja,
      vielen dank für deinen kommentar. ich würde mich freuen, mit dir zusammen irgendetwas anzuleiern – selfie inklusive! 🙂
      jetzt stürz ich mich erstmal wieder in meine #quer20-aktivitäten. die kulturfritzen und der querverlag haben ein paar schöne dinge in planung. ich bin sicher, du verfolgst das eifrig.
      bis ganz bald, marc

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    • Doch, doch, diese Zahlen werden schon hinterfragt. Und es ist auch allen klar, dass nur ein Bruchteil dessen, was in die Timelines anderer Menschen gespült wird, überhaupt wahrgenommen wird. Diskutiert wird aber vor allem die Frage, ob und wie dieses Potential genutzt werden kann.
      Das ist ja eben das Problem mit der Filterblase. Wenn wir, the inner circle of Kulturschnuppis – ganz l’art pour l’art – nur uns selbst bespaßen (und dieser Vorwurf steht ja schnell und oft im Raum), dann wird die Sinnkrise nie ein Ende haben. Also gilt es doch, Strategien zu entwickeln, um Menschen über den niedrigschwelligen Abenteuerraum Internet für Kultur zu begeistern und von nicht wahrgenommenen Eindrücken zu nachhaltigen Erlebnissen zu kommen.

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  2. Lieber Marc,

    es hat mich gefreut, dich beim #scmuc15 erstmals “im RL” kennenzulernen und kann nur sagen: Willkommen in der Filterblase! 😉

    Wahrscheinlich beschäftigt uns fast alle die Überlegung, wer unsere Inhalte überhaupt wahrnimmt. Der Eindruck, man würde sich immer nur im kleinen Kreis um sich selbst drehen, wird aber auch davon verfälscht, dass man in seiner eigenen Filterblase hängt und nicht merkt, von wem man wahrgenommen wird. Ich habe z.B. schon Feedback auf den MusErMeKu-Blog bei wissenschaftlichen Konferenzen erhalten von Leuten, bei denen ich nie gedacht hätte, dass sie überhaupt “dieses Internet” nutzen außer für eMails.

    Je mehr Menschen mit der Onlinekommunikation über Kultur beginnen, desto mehr andere Menschen lassen sich damit erreichen. Denn jeder hat eine Filterblase, aber die ist bei jedem anders. Die Schnittmenge sind dann die viel zitierten “Influencer” – aber es geht eben nicht nur um diese sondern um jeden, der auf ein Thema aufmerksam gemacht werden kann. Und viele Influencer erreichen viele Filterblasen, ganz einfach.

    Viele Grüße
    Angelika

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    • liebe angelika, ich kann dem insgesamt nur zustimmen. dieser gedanke, immer mit allem alle erreichen zu müssen, ist total unsinnig. es ist, wie du sagst: je mehr leute kommunizieren, desto mehr leute werden erreicht – auch außerhalb der eigenen direkten kontakte. die frage ist, wie nachhaltig das sein kann, aber auch sein muss. wichtig ist, dass man spaß daran hat, es immer wieder zu versuchen. beste grüße aus berlin, marc

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      • Lieber Marc,

        wer die Frage nach der Nachhaltigkeit stellt, meint ja oft den ROI – also die Monetarisierung. Die Frage zu stellen ist wichtig – sie zu beantworten etwas schwerer.

        Es wäre sicher zu kurz gegriffen, z.B. im Anschluss an ein TweetUp nur auf den Ticketverkauf zu schauen – also ableiten zu wollen, ob die Aufmetksamkeit, die das TweetUp erzeugt hat, sich direkt in gesteigerten Einnahmen niederschlägt. Vielmehr sollte auch der langfristige Mehrwert berücksichtig werden – z.B. ein positiver Einfluss auf das Image. Und um auf die Frage der Nachhaltigkeit zurückzukommen: Ein durch Kommunikation erzieltes positives Image ist wohl nachhaltiger als ein kurzfristig gesteigerter Ticketverkauf.

        Viele Grüße
        Angelika

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  3. Lieber Marc,
    ‚fahre hin und erkläre uns Greenhörnern doch bitte genau, was „das Ganze“ soll‘. So ungefähr haben bertl und ich ja unseren Wunsch an dich formuliert. Dein besonnen formulierter Text bringt uns da schon ein Stückchen weiter. „Niedrigschwellig“ ist im Zusammenhang mit der Frage „wie, wann, wo kann Kultur berühren“ eines meiner Lieblingswörter, allein schon von Berufswegen. All dieser breit alles überlappenden „helenefischerästhetik“ einen frischen Kontrapunkt entgegenzusetzen fordert viele lustvolle, einvernehmende und ungezwungene Projekte, in denen jeder banale Banause ein Gefühl dafür bekommt, wie es sich anfühlt in der Vielfalt unserer kulturellen Welt ein Teil zu sein.
    Das bedeutet auch, diese Äußerungen von Teilhabe ernst zu nehmen und in der (digitalen Welt) einen angemessenen Platz für eine entsprechende Würdigung zu schaffen. Da fängt die Arbeit an, fürchte ich und hört die Blase auf (vielleicht).
    Es grüßt ganz innig die Frau Konfusiane

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  4. Pingback: Neues aus der Filterblase (46/2015) |·

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