#AllThePeople. Oder: Wie mit Social Media ein Buch entsteht

von Marc Lippuner //

Auf dem Kulturfritzen-Blog versuchen wir stets, Kunst und Kultur in Verbindung mit der Nutzung und Nutzbarmachung sozialer Netzwerke zu beschreiben und zu vermitteln.

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Unser heutiger Beitrag zum #artbookfriday wird deshalb auch keine klassische Buchbesprechung, denn die Entstehungsgeschichte von All the People, einem 250 Seiten schweren, farbenprächtigen Gender-Bender-Bildband, ist eine, die in den sozialen Netzwerken erzählt wurde.

Michelle van der Veen vom Kerber Verlag, bei dem der Bildband erschienen ist, hat mich im Vorfeld auf das Projekt aufmerkam gemacht und mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. (Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.)

Am AllThePeopleProject lässt sich beispielhaft aufzeigen, wie durch den Einsatz sozialer Netzwerke im Kulturbereich Projektideen (teil-)finanziert und realisiert werden können.
Vorauszuschicken ist, dass dies nicht für alle Kulturprodukte gleichermaßen gilt. Wirft man nur kurz einen Blick auf die bekannten Plattformen, sieht man, dass Theaterprojekte und Ausstellungen – also ortsgebundene und zeitlich begrenzte Events – es schon bei geringen Summen schwerer haben, über Crowdfunding finanziert zu werden, als Projekte, die ein Produkt finanzieren, das man in den Händen halten kann, das eben nicht an Ort und Zeit gebunden ist: ein Film, den man auf DVD bekommt, eine CD, die erscheinen soll, kunstgewerbliche Produkte oder Bücher, vor allem Fotobücher, Kunstbände, Graphic Novels, illustrierte Bücher (nicht nur für Kinder).
Die Drucklegung eines Bildbandes, der aufgrund seines Inhalts spannenderes Material für die sozialen Netzwerke bereithält als ein illustrationsloser Roman oder ein mit Statistiken befülltes Sachbuch, ist also eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Schwarmfinanzierung.

Der Fotograf Bernd Ott und die Autorin Emily Besa hatten – in einem Zeitraum von etwa anderthalb Jahren – in Amsterdam, Berlin, London, Los Angeles und New York 39 Menschen getroffen, fotografiert und interviewt – allesamt Menschen, die sich den herkömmlichen Geschlechterrollen verweigern: Transgender, genderqueer oder genderfucked sind viele von ihnen, manche drag performers oder drag artists, einige definieren ihre geschlechtliche Zugehörigkeit überhaupt nicht.

Die Fotos waren also bereits fertig, die Interviews geführt, das Layout des Bildbandes schon durchdacht. Es musste also „nur“ noch die Produktion finanziert werden, als die Aktivitäten des AllThePeopleProjects vor etwa einem Jahr in den sozialen Netzwerken begannen. Anfang Juli 2015 wurden eine Website mit Blog, ein Facebook-, ein Twitter- sowie ein Instagram-Account eingerichtet, augenscheinlich, um der vier Wochen später beginnenden Kickstarter-Kampagne einen guten Start zu verschaffen. Und das schien auch nötig, denn 15.000 EUR sollten innerhalb von 30 Tagen gecrowdfundet werden.

Zahlreiche Online-Magazine (u.a. Buzzfeed, Designtaxi und Bustle) berichteten gleich zu Beginn der Kampagne über die Schwarmfinanzierung – die hochwertig fotografierte Genderverweigerung touchierte den Lifestyle. Mit Erfolg. Die veranschlagte Summe kam bereits zwei Tage vor dem Kampagnenende zusammen, 140 Unterstützer_innen trugen dazu bei, die Verwirklichung des Projektes zu ermöglichen.

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Die Beiträge in den sozialen Netzwerken erzählen – über die Finanzierung (August 2015), die Drucklegung (Dezember 2015) und, sporadischer werdend, auch über die Publikation des Buches (März 2016) hinaus – von den Begegnungen mit den Interviewpartner_innen, feiern diese Bekanntschaften, kontextualisieren die Auflösung der Geschlechtergrenzen vor allem auf Twitter mit interessanten Links und lesenswerten Retweets, die die gegenwärtigen Gender-Diskussionen (vor allem um Transgender und Transphobie) ausführlich abbilden.
Der Instagram-Account hält eine inkonsequente, wenngleich unterhaltsame Mischung aus Produktionseindrücken, Kitschbildern, Kunstrepros, Re-Posts und Reisefotos bereit, bietet aber auch die spannendsten Einblicke in die Arbeit des Fotografien und liefert die besten Eindrücke von der Entstehung des Buches. (siehe Screenshots)

Erstaunlicherweise finden sich auf dem Instagram-Account keinerlei Fotos aus den Shootings, die Ott gemacht hat, obwohl die Foto-Sharing-App dafür doch mindestens ebenso prädestiniert wäre wie Facebook, wo sich diese Fotos durchaus finden.
Im Gegensatz zu dem sehr persönlichen Instagram-Profil ist Facebook vergleichsweise schwach bespielt worden, nicht zuletzt, weil der werbende Charakter dort sehr im Vordergrund steht: Kampagnen-Countdown, Veranstaltungsankündigungen, Rezensionen, Sich-Selbst-Feiern. Das ist leider nur mäßig informativ und noch weniger charmant.

Es bleibt zu vermuten, dass hier keine Social-Media-Experten am Werk waren. Bei dem Thema, bei der Qualität der Fotos, bei der Popularität einiger Interviewpartner_innen, bei der Online-Berichterstattung zum Start der Kampagne, bei der internationalen Ausrichtung des Produkts, das in englischer Sprache vorliegt, erscheinen mir die 200 bis 300 Follower die alle drei AllThePeople-Kanäle – Facebook, Twitter und Instagram – aufweisen, verhältnismäßig wenig, zumal eine große Schnittmenge anzunehmen ist. Offenbar konnten aber, obwohl die Möglichkeiten der Netzwerke-Bespielung bei Weitem nicht ausgeschöpft wurden, Crowd und Community trotzdem mobilisiert werden, denn das Ziel – die Realisierung des Bildbandes – wurde erreicht.

Und das Ergebnis? Das kann sich sehen lassen: All the People ist ein hochwertiger Bildband – ohne Schutzumschlag, dafür mit geprägtem Titel auf Buchrücken und Vorderdeckel. Für jedes Portraits stehen sechs Seiten zur Verfügung, zwei sind den in kleinen Reportagen verpackten Interviews vorbehalten, vier mit großformatigen Farb- und Schwarz-Weiß-Fotos bedruckt. Fotografien, die die unterschiedlichen Facetten jeder der 39 Persönlichkeiten sensibel einfangen: mal fröhlich, mal nachdenklich, verspielt, verloren, in Drag oder ungeschminkt. Die Altersspanne der Portraitierten reicht von fünf (!) bis neunundsechzig, ebenso groß ist das Spektrum des geschlechtlichen Selbstverständnisses. Und hier liegt der Reiz des gesamten Projekts: dass man durch die sehr persönlichen Geschichten und Bilder in diesem Buch die Kategorien, die man über Frau und Mann und mögliche sexuelle Orientierungen im Kopf hat, hübsch durcheinander gewürfelt bekommt. Oder wie es im Vorwort ein bisschen pathetisch heißt:

„Ultimately, we are all human beings and we all deserve the freedom, peace, and empowerment to live our lives, just as we are.“

Bernd Ott, Emily Besa: All the People.
Bielefeld / Berlin: Kerber Verlag 2016.
Anzahl der Seiten: 250
ISBN: 978-3-7356-0176-6
Preis: 40,00 €

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