10 Ausstellungen, die Ihr diesen Sommer in Wien nicht verpassen solltet

von Marc Lippuner //

Ein Sommer wie dieser, der eigentlich nur sehr heiße oder aber verregnete Tage im Angebot hat, ist prädestiniert für Museumsbesuche, denn Museen sind in der Regel klimatisiert und überdacht. Und so war mein letzter, in der zweiten Julihälfte absolvierter Wien-Ausflug aufgrund des wankelmütigen Wetters reich an Ausstellungsbesichtigungen, die ich auf unserem Twitter-Account dokumentiert habe. Von den zahlreichen Sonderschauen, die Wien derzeit zu bieten hat, möchte ich zehn empfehlen, die an fünf Standorte führen und maximal noch bis Herbst zu sehen sind.

 

1. Jan Fabre – Stigmata
noch bis 27. August 2017 im Leopold Museum

jan fabre - leopold museum - plakat - kulturfritzenDie Retrospektive bietet einen umfassenden Überblick über das bereits 40-jährige Schaffen des Belgiers Jan Fabre, der zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt und seit den 1970er Jahren mit Performances und poetischen Aktionen von sich reden machte, die den Gebrauch des Körpers in den Mittelpunkt rücken. Zahlreiche Glasplatten auf einfachen Holzböcken präsentieren Skizzen, Dokumente, Kostümteile, Figuren und Requisiten, an den Wänden kleben Zitate, hängen Fotos und Bildschirme mit Videomaterial, um sich Fabres Ideen und seiner Kunst annähern zu können.
Darüber hinaus wird im Rahmen der Ausstellung Doctor Fabre will cure you gezeigt, ein Film des bildenden Künstlers und Filmemachers Pierre Coulibeuf, in dem Fabre eine Auswahl seiner Performances wiederholt, die durch den cineastischen Blick zugleich neu interpretiert werden.

 

2. Maria Lassnig – Zwiegespräche 
noch bis 27. August 2017 in der Albertina

lassnig - albertina -selfie -kulturfritzenDrei Jahre nach ihrem Tod widmet die Albertina der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig eine Retrospektive, die etwa 80 zum Teil unbekannte Zeichnungen und Aquarelle zeigt. Zeit ihres Lebens rückte Lassnig ihren eigenen Körper in den Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung, noch bevor dies zu einem der zentralen Themen der internationalen Kunstszene werden sollte. Kubistisch anmutende Skizzen aus der Studienzeit sind ebenso zu sehen wie Lassnigs sogenannte „Körperbewusstseinsaquarelle“, surreale Selbstportraits und schon mit zittriger Hand entworfene späte Zeichnungen, die den Eindruck erwecken, als hätte Lassnig den Selfiekult von Instagram vorausgeahnt und mit feiner Ironie ins Analoge transferiert.

 

3. Woman – Feministische Avantgarde der 1970er Jahre
noch bis 3. September 2017 im mumok

woman - mumok - kulturfritzenDas Erstaunlichste an der Ausstellung ist, dass die meisten Werke schon fast ein halbes Jahrhundert alt sind, so zeitgemäß kommen sie daher. Oder sind die Themen einfach die gleichen geblieben..? Die Künstlerinnen der 1970er Jahre gelten als Vorreiterinnen, die sich den Rollenzuweisungen als Mutter, Haus- und Ehefrau widersetzten, die – wie schon Maria Lassnig (siehe Tipp 2) – ihren eigenen Körper und die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt ihres Schaffens rückten, und dies in zu jener Zeit künstlerisch weitgehend „unbelasteten“ Medien wie Fotografie, Video oder Performance. Gabriele Schor, die Direktorin der SAMMLUNG VERBUND, aus der die gezeigten Werke stammen, prägte für die Bewegung den Begriff FEMINISTISCHE AVANTGARDE, um die Pionierleistung der Künstlerinnen hervorzuheben. Die bekannteste Vertreterin ist sicher Cindy Sherman, spannender sind meiner Meinung nach jedoch andere künstlerische Positionen, z.B. jene von Francesca Woodman, Renate Eisenegger, Karin Mack oder Penny Slinger.

 

4. Radek Knapp trifft Alfred Kubin
noch bis 4. September 2017 im Leopold Museum

radek knapp - alfred kubin - buch - kulturfritzenDie Aufgabe kommt dem einen oder anderen vielleicht noch aus der Schulzeit bekannt vor: Man bekommt ein paar Bilder und muss dazu eine Geschichte schreiben. Dass diese Idee auf eine Ausstellung übertragbar ist, zeigt DIE STUNDE DER GEBURT. Der Schriftsteller Radek Knapp hat 41 Grafiken des 1959 gestorbenen Illustrators Alfred Kubin aus der umfangreichen Sammlung des Leopold Museums zu einer düsteren, existentialistischen Geschichte verknüpft, die in feiner Serifenschrift neben den gerahmten Grafiken an die graue Wand der Ausstellungshalle appliziert ist. Wem – wie mir – letztendlich die Ruhe fehlt, sich auf die komplette und komplexe Erzählung im Museumraum selbst einzulassen, der hat die Möglichkeit, sie als Buch mit nach Hause zu nehmen.

 

5. Frauenbilder – Vom Biedermeier bis zur frühen Moderne
noch bis 18. September 2017 im Leopold Museum

frauenbilder - leopold museum - kulturfritzenWenn man so eine umfangreiche Sammlung hat wie das Leopold Museum, stellt sich wohl immer wieder die Frage, in welchem Kontext man die Werke präsentieren kann. Eine gefällige Möglichkeit ist die Motivwahl und äußerst gefällig und nahezu selbsterklärend ist die Ausstellung Frauenbilder: Abgebildete Frauen auf Gemälden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind aus dem Depot geholt worden: Von der züchtigen Ehefrau über die Salonnière bis hin zur Femme fatale, von der Mutter bis zur (Feld-)Arbeiterin, von der Künstlerin über die Tänzerin bis hin zur Muse, von dem jungen Mädchen bis zur alten Frau sind Werke aus der hauseigenen Sammlung in verschiedenen Räumen zusammengestellt worden. Darüber hinaus widmet sich die Ausstellung der bildenden Frau – der Künstlerin – und zeigt Werke von Malerinnen und Bildhauerinnen, die es schwer hatten, sich im von Männern dominierten Kunstbetrieb durchzusetzen. Der bekannteste Name wird der von Käthe Kollwitz sein, die hier mit einem Dutzend Werken ausgestellt ist.

 

6. Look! New Aquisitions 
noch bis 8. Oktober 2017 in der Albertina

look - albertina - kulturfritzenAuf zwei Etagen zeigt die Albertina, was sie in den letzten Jahren so erworben hat. Eigentlich für ihre umfangreiche Grafiksammlung (u.a. liegt hier Albrecht Dürers berühmtes Feldhase-Aquarell) und die Sammlung Batliner (mit Werken der Moderne) bekannt, macht sie sich zunehmend auch durch Ankäufe von Gegenwartskunst einen Namen. In der Ausstellung mit den Neuerwerbungen sind Arbeiten der bekanntesten Künstler_innen des 20. und 21. Jahrhunderts zu finden, u.a. Andy Warhol, Roy Liechtenstein, Anselm Kiefer, Sigmar Polke oder Georg Baselitz. Spannender, humorvoller und aufregender sind jedoch die jüngeren Arbeiten von Künstler_innen, die es für viele vielleicht noch zu entdecken gilt: Markus Schinwald, Stefan Zsaitsitz, Marlene Dumas oder Jack Pierson.

 

7. How to live together
noch bis 15. Oktober 2017 in der Kunsthalle Wien

kunsthalle wien - htlt - kulturfritzenZusammenleben – ein großes und umfassendes Thema, das die Kunsthalle Wien in ihrer aktuellen Ausstellung How to live together (#HTLT) abzubilden und/oder zu kommentieren gedenkt. Und so muss die Schau, so umfangreich sie auch ist, unvollständig bleiben. Die ausgewählten Arbeiten vor allem zeitgenössischer Künstler_innen fokussieren sich auf das politische und das gesellschaftliche Miteinander, das Private wird nur angerissen bzw. in einen größeren gesellschaftlichen Kontext gestellt. Dank eines exzellenten Begleithefts, das kostenfrei zur Mitnahme ausliegt, erschließt sich die Auswahl der Werke wie Willem de Roojs Bouquet aus 95 verschiedenen Blumen, August Sanders Gesellschaftsportraits, Wolfgang Tilmanns‘ Anti-Brexit-Kampagne und Goshka Makugas Roboter, der über Humanismus fabuliert. Die zahlreichen, zum Teil sehr langen Videoarbeiten ermüden ein wenig, umso mehr faszinieren die anderen Arbeiten.

 

8. Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok-Sammlung
noch bis 22. Oktober 2017 im mumok

oh - jakob lena knebl - mumok - kulturfritzenRadek Knapp durfte im Leopold Museum aus unzähligen Alfred-Kubin-Grafiken auswählen (siehe Tipp 4), die Künstlerin Jakob Lena Knebl hatte sogar die gesamte mumok-Sammlung zur Auswahl, um ihre Ausstellung Oh…, die sich über zwei Etagen erstreckt, zu kompilieren. Knebl hat vor allem Design-Objekte und Skulpturen der 60er und 70er Jahre genommen und sie u.a. mit jüngeren Fotografien (z.B. von Wolfgang Tilmanns, Markus Schinwald) sowie eigenen Arbeiten zu farbenfrohen, hippen Showcases zusammengestellt, die zwischen Bühnenbildern, Messeständen und Installationen oszillieren. Großartig ist die explizite Einladung an die Besucher_innen, mit den geschaffenen Räumen zu interagieren, wenngleich dies letztlich oberflächlich bleibt, da Betreten und Anfassen nicht erlaubt ist. Mit den spiegelnden Oberflächen lässt sich aber einiges Oberflächliches anstellen.

 

9. Fischerspooner – Sir
noch bis 29. Oktober 2017 im mumok

fischerspooner -sir -mumok - eingang - kulturfritzenMit der für das mumok geschaffenen Rauminstalltion Sir präsentieren die Konzeptkünstler Fischerspooner (Warren Fischer und Casey Spooner) die bildnerisch-künstlerische Fortführung ihres vierten Albums, das im Herbst 2017 erscheinen wird. Die Wände des Raumes sind mit großformatigen Fotografien von Yuki James beklebt, die Casey Spooner, Freund_innen und zufällige Internetbekanntschaften zeigen. Diagonal zieht sich eine Leinwand durch den Raum, im Video, das in Zeitlupe abgespielt wird, simuliert Spooner mit einem anderen Mann, beide nur spärlich bekleidet, einen Sexualakt. Sir ist eine lust- und humorvolle Installation: verspielt, queer, sexy.

 

10. Kauft bei Juden
noch bis 19. November 2017 im Jüdischen Museum Wien

kauftbeijuden -ausgang - jmw - kulturfritzenKauft bei Juden ist eine Sonderaustellung, die das Aufblühen und den Niedergang der Wiener Luxuskaufhäuser dokumentiert. In edlem Design (viel Gold auf Schwarz mit grünen Markisen) wird hier eine Zeit lebendig, in der ein Kaufhaus noch „Das Paradies der Damen“ (Emile Zola) war. „Eindrucksvolle Objekte“, so steht es im Pressetext, „erzählen nicht nur die Geschichten der Familien, sondern auch von Architektur und Inszenierung, den Designern, der Klientel sowie Verkäufern, Schneidern und Schaufensterdekorateuren.“ Seit Anbeginn hatten die jüdischen Betreiber_innen, dies streicht die Ausstellung nachdrücklich hervor, mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen, das Kauft bei Juden wird in den 1930er Jahren ins Gegenteil verkehrt: Im Nationalsozialismus folgten Enteignung, Exil oder Ermordung, nach dem Krieg tat sich (nicht nur) Österreich schwer mit der Restitution.

(Die Reihenfolge der Auflistung stellt keine Wertung dar, sondern orientiert sich am letzten Ausstellungstag.)

 

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