Caligari virtuell

von Marc Lippuner // 

Du musst Caligari werden IMG_9929 © Marc LippunerAm 26. Februar 1920 feierte Robert Wienes in Weißensee gedrehter Stummfilm Das Cabinet des Dr. Caligari im Marmorhaus am Berliner Kurfürstendamm seine Uraufführung. Der expressionistische Film mit Werner Krauß, Conrad Veidt und Lil Dagover in den Hauptrollen gilt aufgrund seiner grotesk verzerrten, gemalten Kulissen und seiner kontrastreichen Beleuchtung als Meilenstein der Filmgeschichte. Er erzählt vom Schlafwandlers Cesare, der unter Hypnose – von Dr. Caligari kontrolliert – zum Mörder wird. In einer Nervenheilanstalt wird Caligari schließlich als Drahtzieher der Verbrechen überführt, offen bleibt die Frage, ob die ganze Geschichte nicht doch ausschließlich im Kopf eines Wahnsinnigen passiert ist. Der frühe Psychothriller, den Kurt Tucholsky als „etwas ganz Neues“ bezeichnete, verhalf dem deutschen Film nach dem Ersten Weltkrieg zu internationaler Anerkennung.

100 Jahre nach seiner Uraufführung widmet die Deutsche Kinemathek, das Museum für Film und Fernsehen mit Sitz am Potsdamer Platz, dem einflussreichsten Stummfilm der deutschen Filmgeschichte, eine kleine Sonderausstellung.
Du musst Caligari werden! Das virtuelle Kabinett zeigt, was in der Dauerausstellung, die selbstredend eine eigene Caligari-Ecke hat, nicht in diesem Umfang Platz findet: Seiten des Original-Drehbuchs, Szenenbildentwürfe und rekonstruierte Modelle des Filmsets sowie die überaus originellen Werbematerialien der Premiere, wie zu Fächern ausklappbare Programmhefte oder Plakate der im Vorfeld für Furore sorgenden guerillaartigen Marketingkampagne.

Die Sonderschau widmet sich aber auch dem Einfluss, den Das Cabinet des Dr. Caligari hatte und immer noch hat: So zeugt Siegfried Kracauers 1947 erschienener Klassiker Von Caligari zu Hitler, von der politischen Dimension des Films, während der Regisseur Tim Burton als Referenz herangezogen wird, wie sehr die Ästhetik des Films das Genre des phantastischen Kinos bis heute prägt. Bilder der Tänzerinnen Anita Berber und Valeska Gert sowie der Sänger Klaus Nomi und Robert Smith (The Cure) beweisen exemplarisch, dass der von Conradt Veidt verkörperte Cesare mit seinen strubbeligen Haaren, den schwarzumrandeten Augen und der dunklen Kleidung zu einer nicht unterzukriegenden popkulturellen Ikone geworden ist.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein gelb leuchtender Kubus, der den Besucher_innen ermöglicht, mittels Virtual Reality in das Filmset einzusteigen. Der Traum des Cesare ist ein vom Goethe-Institut Warschau und der UFA X konzipierter fünfminütiger linearer Film, in dessen Szenenbild man sich frei bewegen kann. Als „entfesselte Kamera“ beeinflusst man die Handlung nicht, bestimmt jedoch den Blickwinkel auf das Geschehen selbst und begleitet so, in drei kurzen Akten, Cesare und Dr. Caligari, die sich selbst zwischen Traum und Realität begegnen. Faszinierend ist die Qualität der Hologramm-Darstellungen, die nicht programmiert, sondern mit zwei Schauspielern als volumetrischer Film aufgenommen wurden. Die Dreidimensionalität des virtuellen Filmsets und der (ver-)führende Raumklang tun ihr Übriges, um Begeisterung zu entfachen.

arte stellt online die virtuelle Traumerfahrung als zweidimensionales Video zur Verfügung, das nur einen unzureichenden Einblick, aber immerhin eine Ahnung vermittelt, von dem, was man in dem gelben Kabinett im Filmmuseum erleben kann:

Wer genügend Zeit mitbringt, sollte sich beim Besuch der Ausstellung unbedingt die restaurierte Fassung des Jubiläumsfilms anschauen, die in einem Separee des Ausstellungsraumes in großzügiger Heimkinodimension in Dauerschleife läuft.
Wer wenig Zeit hat oder es gar nicht nach Berlin schafft, bekommt hier, in der arte-Mediathek,  den gesamten Film zu sehen.

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Du musst Caligari werden! — Das virtuelle Kabinett
Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin
noch bis 20. April 2020
Der Eintritt berechtigt auch zum Besuch der Dauerausstellung.

 

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