Wie tanzt man digitale Welten?

von Marc Lippuner

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Als ich Google eben um eine Definition von Feedback bat – genau genommen tippte ich nur acht Buchstaben in das Eingabefeld und formulierte weder Frage noch Bitte – setzte ich eben jenes schon voraus: „die zielgerichtete Steuerung eines technischen, biologischen oder sozialen Systems durch Rückmeldung der Ergebnisse“. Eine Frage sucht eine Antwort, die Bitte Erfüllung und jede Aktion impliziert eigentlich schon eine darauf folgende Reaktion. Was in der zwischenmenschlichen Kommunikation an Konventionen, Floskeln und Muster gebunden ist, wird, wenn Mensch mit Maschine kommuniziert, auf das Nötigste reduziert, ist nicht einmal mehr ein Befehl, sondern Erwartung und optimiert programmierte Erfüllung.
Ob ich will oder nicht… Worte in den Computer tippen, macht was mit mir. Es macht mich schlauer, bequemer, ungeduldiger, abhängiger. Denn aus dem Feedback ist längst ein Feeding Back geworden: ein unübersetzbarer Dauerzustand, eine algorithmisierende Fortschreibung, eine nie endende Feedback-Folge, der ich mit Lust, Frust, Skepsis oder und Ignoranz begegne.

Eher skeptisch als lustvoll geben Malgven Gerbes und David Brandstätter sich den Verlockungen des Digitalen hin. Um ihren kritischen Blick auf die sozialen Netzwerke zu überprüfen, haben sich die beiden kreativen Köpfe der Künstlergruppe shifts – art in movement eine Handvoll Performer_innen eingeladen, um in einem gemeinsam erarbeiteten Projekt die Wechselwirkungen digitaler Welten zu durchtanzen. So werden in Feeding Back mit großen Bildern, choreografierten Freiräumen und technischen Amuse-Gueules die Dynamiken analoger und digitaler Netzwerke auf konventionellem schwarzen Tanzteppich verhandelt.
Doch wie tanzt man digitale Welten in analogem Raum?

feeding back 4723 © ClaudeHilde

What are we addressing in here?
Real stories? A pile of anecdotes? A stream of information? A feeding feed?
Are we bringing a critical point of view? (I mean, critical)
An individual point of view? A collective one, maybe?

Essentiell ist der subjektive Standpunkt, die individuelle Geschichte, von denen jede einzelne dem Publikum Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen bietet. So wird die Vorstellung durch persönliche Statements der Performer_innen strukturiert, die ihr Verhältnis zum Netz artikulieren – mit ihrem Körper einerseits und mittels Sprache andererseits. Letztere, mal live, mal aus transportablen Bluetoothspeakern, gelegentlich durch Sprachcomputer verfremdet, stets jedoch hilfreiche Dolmetscherin beim Dekodieren wiederkehrender Bewegungsabläufe.

Copy and paste.
I do this almost everyday
and I can make different documents by copy and paste.
Than I’m asking myself
Can I copy and paste the emotion?
Can I copy and paste my crying?
Can I copy and paste my frustration?

Immer wieder werden Möglichkeiten des Digitalen auf eine Anwendbarkeit im realen Leben überprüft: Der Wunsch, Aspekte seiner Vergangenheit per Delete-Befehl auslöschen zu können, die Frage, ob private Unterhaltungen überhaupt noch möglich sind, wenn private Nachrichten nur vorgeblich privat sind, oder inwiefern sich virtuelle und reale Räume vergleichen lassen:

Right now I am in my cabinet. It’s a place of things, activities and people. It’s like the internet, like the internet is a place of things. In my cabinet I have something to do. Like there is always something to do on the internet. I don’t analyze what I do. But I do it fully, until i get distracted by something or someone else.

Dieses Bild der Wunderkammer, des kleinen Kabinetts, in dem es immer etwas zu tun und zu sehen gibt, in dem man Dinge macht, ohne darüber nachzudenken, wo man sich vollends hingeben kann, bis etwas anderes spannender ist, scheint mir eine greifbare Analogie zwischen realem und virtuellem Raum zu sein. Des eigenen erlebten Raums, nicht des universellen, wohlgemerkt:

Sometimes I just stop. I sleep, I take in the view or I retreat to my secret garden.
It’s not necessary to share everything with you. Nor the others.
But still I am here. And not alone.

feeding back 4979 © ClaudeHilde

Und so oszilliert die Bühne stets zwischen privatem und öffentlichem Raum, sind die Performer_innen bei sich, beim Publikum, allein und miteinander, verborgen und sichtbar. Verabredungen folgend tanzt jede_r nach eigenen Regeln in vorgegebenen Räumen. Den realen wie den virtuellen.

We often talk about the real space and the virtual space
But for me it is the mind-space the biggest.

Einmal verschmelzen die fünf Solist_innen zu einem sanften, aber unermüdlich morphenden Quintett, aus dem sich Einzelne immer wieder herauslösen, die fließenden Bewegungen von außen beobachten, um kurz darauf wieder nahtlos hineinzutauchen. Individualität und Masse, Gesellschaft und Gestaltungswillen, Abstoßung und Anziehung oder, wie es im Untertitel des Projektes heißt, ein Wechselspiel zwischen sozialer Utopie und digitaler DNA… Die kollektive Improvisation, die auf ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Team und Performer_innen schließen lässt, bietet Raum für Interpretationen. So auch das Schlussbild, in dem ein heller Fallschirm durch rotierende Staffelläufe Luft fängt, sich wie eine weich wabernde Glocke über die fünf Tänzer_innen stülpt, aber überraschenderweise die Luft puffert und nicht sofort zusammenfällt.

feeding back 5103 © ClaudeHilde

Im Gegenlicht wirken die Nähte des Fallschirms wie Längen- und Breitengrade der Erde und alle in der letzten Stunde verhandelten Zustände kulminieren in diesem poetischen, nur wenige Sekunden dauernden Moment, ehe die ballonseidene Blase von innen zusammengezogen wird und der Fallschirm in einem erstaunlich kleinen Rucksack verschwindet. Schwer wiegen kann diese Last nicht und das ist doch alles in allem eigentlich ein versöhnliches Zeichen.

I consciously delete the start.


 

Feeding Back
Der Mensch im Wechselspiel zwischen sozialer Utopie und digitaler DNA.

Premiere war am 13. Februar 2019, Tanzfabrik Uferstudios – Berlin (DE)
nächste Vorstellungen:
19. Februar 2019: Tanzfabrik Uferstudios – Berlin (DE)
11. Juni 2019: Atelier de Paris / CDCN / Cartoucherie (FR)

Künstlerische Leitung: Malgven Gerbes, David Brandstätter | Tanz, künstlerische und choreografische Mitarbeit: Raphael Hillebrand, Sebastian Elias Kurth, Malgven Gerbes, Hyoung-Min Kim, Aline Landreau | Lichtdesign, Technik: Ruth Waldeyer | Musik: Brendan Dougherty | Dramaturgie, künstlerische Mitarbeit: Heike Albrecht, Uwe Gössel | Produktion, Management: Ann-Christin Görtz (D), Alix Pellet (FR) | Produktionsassistenz: Clara Debour | Produktion: shifts – art in movement

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Sämtliche Fotos: © ClaudeHilde

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* Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit shifts – art in movement, spiegelt jedoch ausschließlich meine eigenen Eindrücke wider. Die eingerückten Zitate sind den Statements der Performer_innen entnommen.

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