Im Dialog mit mir

Ein Interview von Marc Lippuner mit dem Hamburger Künstler René Scheer über sein Verhältnis zum Digitalen und seinen Weg ins Netz.

Im Herbst letzten Jahres entdeckte ich auf Facebook den Aufruf des Hamburger Stencil Artists René Scheer, ihm für eine neue Werkserie Selfies zur Verfügung zu stellen. Ohne zu hinterfragen, was genau er damit vorhat, bot ich ihm an, sich auf meinem Instagram-Profil umzusehen und bei Bedarf ein Foto auszuwählen, ertappte ich mich kurz darauf bei der Frage, warum ich das eigentlich gemacht habe, und vergaß es dann wieder.
Anfang Januar schickte René mir diese Fotos.

Dazu den Hinweis, dass das fertige Ergebnis Mitte Februar in Hamburg im Rahmen einer Gruppenausstellung im nachtspeicher23 zu sehen ist. Ein guter Anlass, dem Künstler eine Mail zu schicken und ein paar Fragen zu stellen.

Marc Lippuner
In Deiner aktuellen Werkserie SelfieStencils Networking sprühst Du Mini-Stencils auf Bildschirme aussortierter Handys, Smartphones und Tablets. Welche Idee steckt dahinter?

René Scheer
Die Arbeit funktioniert auf vielen verschiedenen Ebenen. Auf der einen Seite ist das Motiv – das Selfie – im Vordergrund. Von vielen verspottet und von vielen geliebt. Es können sich halb-ernste Streitgespräche darüber entzünden, die dann oft in ganz anderen Themen enden. Für mich ist es immer die Möglichkeit, sich so zu zeigen, wie man sich zeigen möchte. Wir sind in dem Moment des Veröffentlichens Frau oder Herr über unser eigenes Bild und geben es keinem anderen in die Hand. Vor hundert Jahren waren Selfies einer kleinen Gruppe von Fotografen vorbehalten, davor waren es die Maler, die sich exklusiv ins eigene Licht setzen konnten. Wenn man dabei aber weitergeht und ein wenig tiefer gräbt, muss man sich auch fragen lassen, woher kommt unser Gefühl, dies oder jenes als schön zu empfinden. Wie frei sind wir und wie viel Selbstbestimmung ist uns wirklich gegeben? Es macht schon stutzig, dass immer wieder gesagt wird, dass in den Industriestaaten die Menschen zu dick seien. In den bekannten Netzwerken, spiegelt sich das in den Selfies ganz und gar nicht wider. Eine eigene Wirklichkeit wird konstruiert und angeboten.

Marc Lippuner
Wieso hast Du Dich dann nicht einfach im Netz bedient, sondern einen Aufruf gestartet?

René Scheer
Es war schon auch ein wenig die Idee, ohne zu sagen, was ich vorhabe, die Diskussion im Einzelnen anzukurbeln. Ich war verwundert, wie viele Menschen mir Ihre Selfies zur Verfügung gestellt haben, ohne zu hinterfragen, was ich damit vorhabe. Das habe ich als besonderen Vertrauensvorschuss empfunden. Das ist das Besondere an länger bestehenden Netzwerken: Es schafft Vertrauen. Du folgst meinen Arbeiten schon länger und weißt, dass ich nie respektlos oder vorführend mit den mir anvertrauten Bildern umgehe. Zudem war auch die Neugierde da, wie gut funktionieren die Netzwerke? Bekommt überhaupt jemand so etwas mit? Und es war eine sehr gute Resonanz. Zum Schluss hatte ich etwas über 70 Selfies, wovon ca. 30 bisher gesprüht wurden. Einige der Beteiligten hatte ich überhaupt nicht auf meinem Radar und sie mich nicht auf ihrem. Sie wurden von Freunden darauf aufmerksam gemacht und fanden es eine tolle Idee, ein Teil eines Kunstprozesses zu sein.

Marc Lippuner
Auch die ausrangierten Mobilfunkgeräte bekamst Du nach einem Aufruf im Netz.

René Scheer
Das stimmt. Etwa eine Woche nach dem ersten Aufruf habe ich mich dann entschlossen, auch diesen Aufruf über die Netzwerke zu streuen. Die Resonanz war am Anfang noch zögerlich, nahm aber dann an Fahrt auf. Bemerkenswert daran ist, dass viele die seit Jahren nicht mehr genutzten Geräte in den Schubladen liegen haben – ich übrigens auch. Dabei sind darin seltene Rohstoff, die eigentlich gut recycelt werden könnten. Es sind zudem auch sogenannte kritische Rohstoffe, die immer wieder Konflikte und Kriege auslösen oder im Zusammenhang mit Umweltzerstörung und Ausbeutung genannt werden.

Marc Lippuner
Mindestens genauso eifrig im Netz erörterte Themen wie die Diskussion um digitale Selbstinszenierung.

René Scheer
Die Geräte und die Selfies wurden jeweils durch Aufrufe beschafft und in der Arbeit verbunden. Der Lack der Sprühdosen wurde direkt auf die Displays der Handys, Smartphones und Tablets gesprüht. Es entstanden die mit Schablonen und Spühlacken gearbeiteten Portraits von Menschen aus meinen Netzwerken.  Mit den Arbeiten wurde das Digitale (das Selfie) in das Reale (das Stencil) umgewandelt. Das Analoge und Digitale lässt sich zwar alleine denken, aber es sind immer Menschen, die aufeinander treffen. Daraus extrahiert die Kernidee von SelfieStencils Networking. Im Produktionszeitraum wurde in persönlichen Gesprächen und im Digitalen über die Idee kommuniziert, es wurden die Schritte der Arbeit gezeigt und zum Teil ausgiebig über Sinn und Unsinn der inhaltlichen Ausgangspunkte gesprochen oder geschrieben.
Im zweiten Schritt soll jetzt durch die Aufforderung, bei der Ausstellung Fotos zu machen und diese zu posten oder zu verschicken, das Reale wieder ins Virtuelle gespült – das „vor Ort“ wird mit dem „Netz“ gekoppelt.

Marc Lippuner
Darauf hoffe ich, denn leider schaffe ich es in dem sehr kurzen Ausstellungszeitraum nicht 
nach Hamburg.

Marc Lippuner
Welche Rolle spielt das (soziale) Netz in Deinen sonstigen Arbeiten?

René Scheer
Immer wieder ist die Selbstdarstellung im Netz bzw. in den Netzwerken mein Thema. So arbeite ich jetzt schon viele Jahre mit dem Sujet des Selbstportraits. [z.B. 2016 mit der Serie #selfiestencils, Anm. der Red.] Meine Arbeiten sind aber nicht ausschließlich durch die Netzwerke oder digitalen Möglichkeiten beeinflusst. Es ist schon reizvoll, sich mit streitbaren Themen auseinander zu setzen. So arbeite ich gerade auch an eine Reihe zum Konsum von Billig-Fleisch, wo ich mich selber und mein Konsumverhalten immer wieder kritisch betrachten muss. Das ist vielleicht ein roter Faden durch meine Arbeiten – ich bin im Dialog mit mir. Ich versuche mir keinen Holzhammer auf den Schädel zu hauen und bei jeder Kleinigkeit einer negativen Essenz den Rückzug anzutreten. Aber schon zu hinterfragen, warum ich Dinge tue und sie vor allem auch gerne tue, trotz ihres immer auch negativen Teilaspekts. Soll heißen, wenn ich über soziale Netzwerke arbeite, muss ich diese zum Beispiel auch nach Datenschutz, Wahlbeeinflussung, Ausgrenzung, Hass und Steuerflucht hinterfragen. Beim Thema Fleischkonsum muss man sich unter anderem mit Themen wie Tierwohl, Multiresistenzen, Klimawandel und Großkonzerne beschäftigen. Auch diese Fragen beschäftigen mich im Netz und werden dort diskutiert.

screenshot scheer 5

René Scheer, „1,94€“, Sprühlack (Stencil) auf Holz, 2018

Marc Lippuner
Wann und wie hast Du die sozialen Netzwerke für Dich entdeckt?

René Scheer
Ich glaube, die ersten sozialen Netzwerke waren Flickr und Wikipedia. Auf beiden Plattformen hatte man seine Status-Seite und ist in den Austausch mit Menschen gegangen, die ähnliche Interessen hatten. Wie hätte ich sonst wohl Menschen getroffen, die genauso wie ich (zu jener Zeit) Lust auf die Geschichte des kommunalen Parlamentarismus nach 1945 gehabt haben? Wir haben zusammen dort viel bewegt. Sehr ausführliche Artikel zu den Landesparlamenten und ihrer Geschichte geschrieben. Aufgepasst, dass nicht irgendwer in umstrittenen Artikeln herumfuhrwerkt ohne Diskussion. So wurde zum Beispiel ein schwer umkämpfter Artikel zu einer Sektenbeauftragten des Hamburger Senats immer wieder überwacht. Bei Flickr war es dann die visuelle Leidenschaft zur Fotografie, in der ich mich austoben konnte. Streetart war schon lange, bevor ich selber anfing zu sprühen, immer wieder im Fokus meiner Foto-Streifzüge. Bei Flickr konnte man dann mit Gleichgesinnten – zu dem Zeitpunkt waren es noch nicht so viele wie heute – fachsimpeln und sich vernetzen. Die ersten Kontakte zu anderen Künstlern kamen auf. Dann kamen Facebook und Twitter, dann Instagram.

Marc Lippuner
Wofür nutzt Du die sozialen Netzwerke?

René Scheer
Persönlich erstmal für die Netzwerk- und Kontaktpflege sowie die Terminplanung – gut finde ich, bei Facebook über auch kleine Ausstellungen und Veranstaltungen informiert zu werden. Sie sind Infokanäle für Aktuelles – natürlich immer mit dem Wissen der eigenen Blase. Und sie bieten Inspiration für Neues! Ich habe Freude am Finden nach Neuem. Auch neue Kontakte finden, ist etwas Wunderbares – dafür nutze ich die Netzwerke eigentlich nicht direkt, sondern es entsteht aus sich heraus – soll heißen: Neue Kontakte entstehen durch den Kontakt im Netz, ohne direkt danach zu suchen.
Twitter nutze ich gerne auch für Infos über neue Blogbeiträge oder Podcast-Angebote.
Auf künstlerischer Ebene nutze ich die Netzwerke gerne, um mich zeigen zu können – mit meinen Arbeiten und den Arbeitsprozessen. Dabei entstehen immer wieder auch spannende Diskussionen im Hintergrund.

Marc Lippuner
Was postest Du und warum?

René Scheer
Hauptsächlich schon künstlerische Dinge. Auf Instagram sind im überwiegenden Teil meine künstlerischen Arbeiten zu sehen, aber vor allem auch der Prozess, der dahinter steht. Werbung für eigene Ausstellungen aber auch befreundete Künstler. Dabei steht bei mir das Foto im Vordergrund. Videos oder längere Texte sind nicht ganz so mein Ding. Übrigens: Ich poste auch gerne Selfies, verwende sie aber sparsam.

Marc Lippuner
Wie definierst Du Deine Rolle im Netz?

René Scheer
Hm, schwierige Frage. Ich bin auf der einen Seite als Künstler dort unterwegs, aber dadurch ist man ja nicht abgekoppelt von seiner weiteren Persönlichkeit. Ich liebe es, mich dort zu zeigen und dadurch mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Halte mit meiner politischen Meinung auch nicht hinter den Berg, muss aber auch nicht zu jedem Mist mein Senf abgeben.

Marc Lippuner
Was sind Deine künstlerischen Pläne? Suchst Du weiterhin die Verbindung zu den sozialen Netzwerken?

René Scheer
Ich glaube, die sozialen Netzwerke werden mich in den nächsten Jahren weiter fordern und fördern. Ich würde mir wünschen, dass sich neben den Giganten (wie zum Beispiel Facebook, YouTube oder Google) weitere Netzwerke etablieren, die eigenständig sind und eigene Wege gehen. So sind zum Beispiel Twitter und Snapchat (was ich selber überhaupt nicht nutze) gute Beispiele. Ob ich dann diese Netzwerke wirklich nutze, kann ich erst sagen, wenn ich sie ausprobiert habe. Der Reiz ist schon diese breite Masse an Menschen, mit denen ich dort vernetzt bin.

Marc Lippuner
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

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Erstmals zu sehen gibt es René Scheers neue Werkserie in der zusammen mit seinen Künstlerkollegen Roland Doil und Florian Huber gestalteten Gruppenausstellung Triple Junction.

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TRIPLE CONJUNCTION >> Eine Gruppenausstellung von @rolanddoil, @florianhuberart und René Scheer im @nachtspeicher23, Lindenstraße 23 in Hamburg-St.Georg. Vernissage: Freitag, 15. Februar 2019 von 19-22 Uhr Öffnungszeiten: Samstag, 16.02. von 15-18 Uhr Sonntag, 17.02. von 15-18 Uhr (SonderÖffnung) Mittwoch, 20.02. von 18-21 Uhr sowie Freitag (Finissage), 22.02. von 18-21 Uhr, Eintritt durchgehend frei. Urbanes Leben ist schnelllebig, kurzweilig und oft von einer Flut von Eindrücken geprägt. Die Gruppenausstellung der Künstler Roland Doil, René Scheer und Florian Huber zeigt verschiedene Ansätze, gesehene urbane Momente einzufangen und zu verarbeiten. In allen Positionen spielt allerdings das Vergangene und nicht mehr Sichtbare, das den Kompositionen zugrunde liegt, eine große Rolle. #stencil #ministencil #artist #stencilart #kunst #kunstwerk #art #artwork #streetart #spraypaint #popart #selfie #stencilartist #nachtspeicher23 #urbanism #welovehh #painting #fineart #welovehamburg #igershamburg #hhahoi #hamburgerecken #kunstinhamburg #contemporaryart #artgallery #urbanart #hamburch #diewocheaufinstagram #selfieart #hhcity

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René Scheer findet man im Internet u.a. auf Instagram, Facebook und Twitter. Darüber hinaus hat er eine eigene Website.

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Die Fotos dieses Beitrags hat René Scheer freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt beim Künstler.

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