Mittendrin, aber wo?

Ein Gastbeitrag von Stefanie Leinert über die 360°-Film-Installation Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst (Z.U.K.U.N.F.T. der Unendlichkeit) von Brigitte & Jonathan Meese. //

„Sehen Sie den Sternenhimmel?“ fragt mich die Mitarbeiterin der VR-Installation im Gropius Bau, nachdem sie soeben einen Knopf an der VR-Brille gedrückt hat. „Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Und jetzt? Wird es schwarz?“ „Nein“, ist wiederum meine Antwort. So ähnlich geht es noch ein paar Mal hin und her, dann haben wir’s geschafft und ich bin „drinnen“ in dem Vorspann zu Jonathan Meeses 360°-VR-Film Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst (Z.U.K.U.N.F.T. der Unendlichkeit).

Vor meinen Augen erscheint ein spärlich ausgestatteter Raum. Derselbe, den ich vor einigen Minuten gerade betreten habe, doch jetzt ist er virtuell. Wie bei allen VR-Erlebnissen erfasst mich die Irritation, beim Blick auf den Boden meine Füße nicht sehen zu können. Der Übergang ins Körperlose, ich weiß nicht, ob ich mich jemals daran gewöhnen kann oder will. Auf einem Drehhocker sitzend erkunde ich den Raum um 360°. In einer Ecke liegt auf einer Matratze, unter einer Bettdecke, der schlafende Jonathan Meese. Die Tür in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes öffnet sich. Brigitte Meese tritt ein, weckt ihren Sohn und bringt ihm Kaffee ans Bett. Gut gelaunt beginnt Meese seinen Tag, denn eine zweite Brigitte Meese hat inzwischen mit einem Eimer roter Farbe den Raum betreten. Die weißen Wände werden zur Oberfläche, zur Leinwand, für Jonathan Meeses Gestaltungswillen; eine Energie-Entladung, der ich als unsichtbare Besucherin nun beiwohnen kann. Er legt los. Mutter Meeses Frage, ob sie denn das alles heute Abend wieder abwaschen müsse, kitzelt den Verstand auf mehreren Ebenen. Der reale Raum, in dem ich sitze, ist nicht weiß. Es sind die Spuren von Meeses Schaffen zu sehen. Aber der virtuelle Raum füllt sich erst vor meinen Augen mit Formen aus roter Farbe, als Spuren von Meeses Bewegungen durch den Raum. Irgendwann gab es diesen weißen Raum, in dem der gestalterische Prozess stattgefunden hat, dem ich gerade zusehe. Irgendwann, aber nicht hier und jetzt.

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Beim Schreiben dieses Textes tritt ein Erinnerungsfehler auf. Ich dachte, der reale Raum wäre bei meinem Betreten auch weiß gewesen. Doch ein Foto, das ich nach dem VR-Film gemacht habe, bezeugt, die Wände sind rot bemalt. Die virtuelle Realität hat meine Erinnerung überschrieben, ein erstaunlich komischer Vorfall, den ich mir nicht erklären kann. Doch er passt ins Bild.

Dass in dem VR-Film Zeitebenen lustvoll durcheinander gewirbelt werden, wird schon deutlich, wenn die zweite Meese-Mutter den Raum betritt und sich selbst gegenübersteht. Und es wird mit jeder weiteren auftretenden Mutter kurioser. Ein Lolli, Musik, ein tanzender Roboter, die fotografierende fünfte Mutter und schließlich ein Spiegel kommen ins Spiel. Ein großes, freies Spiel der Formen und Setzungen eigener Regeln. Raum, Zeit, Wirklichkeit – alles ist hier und jetzt, aber doch nicht jetzt. Ich bin da mittendrin, und doch nicht da. Ich nehme wahr, aber kann nicht wahrgenommen werden. Es ist ein Film, der mich umgibt, zwar keine Handlungen oder Eingriffe zulässt, aber in seiner Energie und Wucht meine Aufmerksamkeit zu fesseln weiß und mich auf meinem Drehhocker in Bewegung hält. Die trockenen Bemerkungen, mit denen Brigitte Meese das Tun ihres Sohnes kommentiert, seine stets freudigen Erwiderungen, haben eine bestechende Unmittelbarkeit, die jedoch nicht privat ist. Vielmehr erscheint alles als ein improvisiertes Kammerspiel, ein absurdes VR-Theater.

meese_leinert 3Der Übergang aus dem Installationsraum zurück in den Ausstellungsraum des Gropius Baus ist mit dem Begriff „Wirklichkeit“ beschriftet. Welche der drei Räume wirklicher ist, möchte ich nicht entscheiden müssen. Der Raum im Gropius Bau, der Installationsraum oder der VR-Raum, ich habe mich in allen dreien gerne aufgehalten. Und doch: Ich hätte in den virtuellen Raum gerne meine Füße, also meinen Körper und Handlungsmöglichkeiten mitgenommen. Irgendwann, wenn wir alle VR-Brillen statt Flachbildfernseher zuhause haben, wird es Normalität sein, VR-Filme wie diesen in den eigenen vier Wänden zu sehen. Einen Drehhocker hätte ich schon. Vielleicht treffen wir uns dann alle im virtuellen Netz-Theater, hören das Saxofon-Solo aus dem Mondparsifal und malen mit Meese an unsere Wände. Das wird Spuren hinterlassen.

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Die 360°-Film-Installation ist im Rahmen der Reihe Immersion der Berliner Festspiele vom 21. bis zum 29.04.2018 im Gropius Bau zu sehen und ist in der kostenlos erhältlichen ARTE360 VR-App für die Systeme iOs, Android, GearVR und Daydream sowie auf der ARTE-Website verfügbar.

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fullsizerender-3Stefanie Leinert (Kulturwissenschaftlerin, M.A.) lebt in Berlin. Nach einem Ausbildungsjahr in Neuem Tanz und ers­ten Studien in den Fä­chern Germanistik, Anglistik und Philosophie an der Univer­sität Hannover arbeitete sie bei verschiedenen Konzertveranstaltern als Projektleiterin und freiberuflich als DJ. Ab 1999 studierte sie parallel dazu an der Universität Lüneburg im Magisterstudiengang Ange­wandte Kulturwis­senschaften die Fächer Musik, Sprache und Kommunikation sowie Me­dien und Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit landete sie mit ihren Studienthemen immer wieder bei den darstellenden Künsten, so dass auch die Theaterpraxis unvermeidbar war. Sie arbeitet nun als Theaterproduzentin und schreibt gerne, aber selten. 

Weitere Gastbeiträge von Stefanie Leinert auf unserem Blog: 
Flirt mit Pina
Musik verbindet

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