„Wir sind Gummi. Wir sind gespannt.“ Auf dem Weg zu einem Manifest für die Kulturvermittlung

von Marc Lippuner //

Anfang April hatte ich die Möglichkeit, für zwanzig angehende Kulturvermittler_innen einen Workshop-Tag zu gestalten. Eingeladen worden war ich von dem Schweizer Verein kuverum, der seit dem Jahr 2000 bereits zum zehnten Mal einen praxisnahen nomadisierenden Lehrgang für Kulturvermittlung anbietet. Neben Kurstagen in der Schweiz und in London gibt es u.a. auch ein mehrtägiges Modul in der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. Die Tage in der niedersächsischen Stadt an der Oker sollten von den Teilnehmer_innen – viele von ihnen in Lehrberufen, einige bereits im Museumsbereich tätig – dazu genutzt werden, die eigene Haltung zur Kulturvermittlung zu überprüfen und Visionen für die Kulturarbeit zu entwickeln. Der Schwerpunkt des Lehrgangs liegt im Bereich Museum und Ausstellungen. Als Idee stand die Formulierung eines Manifestes im Raum.

Den Weg dahin bereitete ich in enger Abstimmung mit Franziska Dürr, Leiterin des kuverum-Lehrgangs, Daniela Mittelholzer, Vermittlerin im Kunstmuseum St. Gallen, Gallus Staubli, Leiter der Abteilung Bildung & Vermittlung im Museum für Kommunikation in Bern, sowie Andreas Grünewald Steiger, Leiter des Programmbereichs Museum an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Das grobe Gerüst des Workshop-Tages entwarf ich vorab mit meiner Kulturfritzen-Kollegin Anne Aschenbrenner. An dieser Stelle sei allen herzlich gedankt für die produktive, zukunftsweisende Zusammenarbeit.

Im Folgenden werde ich in gebotener Kürze skizzieren, wie wir uns auf den Weg gemacht haben, Grundlagen eines Manifestes zu entwerfen.


In vier Schritten zu einem Manifest für Kulturvermittlung

Schritt 1 – Schlagwörter finden

Wer schon einmal auf einem BarCamp war, kennt diese Aufgabe: Nennt drei Hashtags, die Euch beschreiben bzw. die Euch hierher gebracht haben… Zum Auftakt habe ich dieses Kennenlernspiel variiert und die zwanzig Teilnehmer_innen gebeten, drei Schlagwörter zu nennen, die ihre Erwartungen an Kulturvermittlung beschreiben. Einige Begriffe fielen (in Variation) mehrfach:

#Entdecken #Erleben #Spiel #Spaß #Kreativität #Ideen
#Geschichten #roterFaden
#Miteinander #Partizipation #Austausch
#TürenAuf #Respekt #Empathie
#Alltag #Zeitgeist #LebenTeilen

Hiermit war ein erster, durchaus erwartbarer Überblick gegeben über Erwartungen und Haltungen zur Kulturvermittlung.

Schritt 2 – Antworten finden

  • Welche Struktur brauche ich für meine Arbeit als Kulturvermittler_in?
  • Welche Ressourcen benötige ich für meine Arbeit als Kulturvermittler_in?
  • Mit welchen Strategien kann ich als Kulturvermittler_in meine Arbeit gestalten?
  • Was braucht es, um (kulturelle) Teilhabe zu ermöglichen?

Mit diesen vier Fragen schickte ich die Teilnehmer_innen ins World Café. In 90 Minuten wurde gesammelt, rege diskutiert, immer wieder sortiert, manches verworfen, vieles verfeinert.

Am Schluss stand die Präsentation der Ergebnisse.

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Wer hierzu Details wissen möchte: Die kleinen Fotos lassen sich anklicken, die Ergebnisse sprechen eigentlich für sich.

Schritt 3 – Fragen formulieren

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Daniela Mittelholzer, Franziska Dürr, Marc Lippuner, Gallus Staubli @ Andreas Grünewald Steiger

Nach dem Mittagessen ging es in eine simulierte Pressekonferenz, in der Franziska Dürr, Daniela Mittelholzer, Gallus Staubli und ich Best-Practice-Beispiele der Kulturvermittlung vorstellten.
Mit den Brillen Ressourcen, Strategien, Strukturen und Teilhabe, die ich den Teilnehmer_innen am Vormittag aufgesetzt hatte, konnten die ausgewählten Projekte nun hinterfragt werden: Welche Strukturen und Strategien ermöglichten den Erfolg? Welchen Rückhalt gab es von Seiten der Institution? Wie wurde dieser Erfolg gemessen? In welchem Umfang standen Ressourcen zur Verfügung? Wie wurden die Teilnehmer_innen erreicht? Mit der Fokussierung auf einen elementaren Bestandteil der Projektarbeit konnte gezielter hinterfragt werden, ohne die Beispiele nur wohlwollend als erfolgreiche Aktionen abzunicken. Die ausgewählten Projekte aus dem Museumsbereich waren:

  • das Vermittlungsprogramm Kunst & Schule des Kunstmuseums St. Gallen, ein Projekt, in dem Künstler_innen mit Schulklassen im Museum arbeiteten
  • die Kommunikatoren am Museum für Kommunikation in Bern, die von der Stellenbeschreibung zwischen Kulturvermittler_innen, Kurator_innen, Aufsichts-, Kassen- & Servicepersonal oszillieren
  • #MyRembrandt der Münchner Pinakotheken als Beispiel für digitale Kulturvermittlung
  • Generationen im Museum – ein museumsübergreifendes Vermittlungsprojekt aus der Schweiz, das die Begegnung verschiedener Generationen auf Augenhöhe initiiert

 

Schritt 4 – Kreativ sein

Der vierte und letzte Schritt auf dem Weg zu einem Manifest für Kulturvermittlung war einer, der die Kreativität der Teilnehmer_innen herausforderte. Drei Stunden hatten sie Zeit, in vier Gruppen unter bestimmten Bedingungen Kulturvermittlungsprojekte zu realisieren:

  • jede Gruppe hatte eine Materialvorgabe: Flaschen, Steine & Muscheln, Kopfbedeckungen oder Gummibänder (bereitgestellt von der Bundesakademie), Materialien aus den Werkstätten der Bundesakademie konnten zusätzlich verwendet werden
  • der Ort der Präsentation war frei wählbar
  • im Rahmen der Präsentation musste ein Manifest zur Vermittlung vorgestellt werden, jeder Satz des Manifestes musste mit „Wir…“ beginnen

Die Ergebnisse, die am Abend vorgestellt wurden, lassen sich am Besten in diesem Tweet zusammenfassen:

Vier ganz unterschiedliche, wirklich unterhaltsame Performances gab es zu sehen: Es wurde auf Tischen getanzt, auf dem Schlossplatz gestritten, in den Katakomben Flaschendrehen gespielt… Die Manifeste wurde auf Holz genagelt, im Schlosshof deklamiert, aus Flaschen gefummelt.
Alle Manifeste sind work-in-progress – das Ergebnis der Gummiband-Gruppe visualisiert diesen Vorgang aufs Beste: Entstanden ist eine Manifest-Wand, an der sich die Schlagwörter, die an diesem Workshop-Tag das Thema Kulturvermittlung für die Teilnehmer_innen bestimmten, durch Gummibänder zu immer neuen Kombinationen verbinden ließen.

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Und hier sind nun die 4 Manifest-Entwürfe im Wortlaut.

Wir befreien uns von Inhalten.
Wir wollen deinen Blick erweitern.
Wir wollen Fehler. Fehler helfen.
Wir wollen aufwühlen.
Wir hören auf das Herz.
Wir sehen was wir wollen.
Wir schaffen Verbindungen.
Wir möchten beflügeln.
Wir wollen Spuren hinterlassen.

Wir sind alle.
Wir sind Gummi.
Wir sind gespannt.
Wir zünden lustvoll.
Wir heiraten täglich.

Wir zeigen unsere Leidenschaft.
Wir graben Geschichten aus.
Wir bringen uns ein.
Wir geben Raum.
Wir setzen Impulse.
Wir sprechen Menschen an.
Wir beziehen Menschen ein.
Wir (er)leben Vielfalt.
Wir beleuchten Hintergründe.
Wir fokussieren.
Wir schaffen Verbindungen.

Wir haben keine Angst vor copy-past.
Wir atmen.
Wir unterstützen «form follows Gossip»
Wir nutzen Punk.
Wir haben keine Angst vor Wiederholungen.
Wir füllen Flaschen anstatt Gläser – auf Augenhöhe.
Wir haben keine Angst vor Wiederholungen.
Wir halten uns kurz.
Wir finden, 10 Manifestpunkte sind genug.
(Wir denken, die Manifestpunkte müssten nochmals überdacht werden.)

Die Teilnehmer_innen des kuverum-Lehrgangs werden in den kommenden Tagen und Wochen weiter an den Sätzen feilen – sie schärfen und verknappen. Fehlendes ergänzen, vielleicht noch einmal alles umschmeißen?
Am 25. Mai 2018 wird ihr Manifest für die Kulturvermittlung schließlich auf den Bieler Fototagen öffentlich präsentiert. Bis dahin bleibt Zeit für Anmerkungen und Ergänzungen, die ich – mit Zustimmung der Teilnehmer_innen – auch von Euch einfangen soll: Was muss unbedingt drinbleiben? Was ist, Eurer Meinung nach, nicht so relevant? Was fehlt? Eure Gedanken und Hinweise, die Ihr hier als Kommentar hinterlassen könnt, die Ihr twittert oder mir per Mail (marc@kulturfritzen.net) zukommen lasst, leite ich umgehend weiter!
Die finale Version des Manifestes findet Ihr dann nach dem 25. Mai hier auf dem Blog!

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4 Antworten zu “„Wir sind Gummi. Wir sind gespannt.“ Auf dem Weg zu einem Manifest für die Kulturvermittlung

  1. Lieber Marc,

    das klingt nach einer wunderbaren Veranstaltung! Was ich immer wieder feststelle: es gibt viel zu wenig Austausch unter den Vermittlerinnen und Vermittlern. Und wenn dann die Chance besteht, sich über das eigene Selbstverständnis intensiv Gedanken zu machen, das finde ich großartig.

    Die Manifeste sind toll! Kleine sprachliche Appetizer. Zum Nachdenken. Wir geben Raum! Ja, das finde ich super!

    Ich frage mich nur, ob man nicht auch mal einen anderen Satzanfang wählen könnte? Weil sich dann vielleicht mal die Richtung ändert?
    Ich finde es so wichtig, das Publikum auch sprachlich reinzuholen in die Leitsätze! Denn das ist schon auch die Herausforderung, die man als Vermittler zwischen zwei Aspekten hat: den Inhalten und den Besuchern. Wie bildet man dieses Eingebundensein ab? Es geht hin und her. Nicht nur in eine Richtung!

    Übrigens: herzliche Einladung an alle, mal beim #ArtEduTalk auf Twitter mitzumachen. (Ich werde nicht müde, die Vermittler auch ins Digitale ziehen zu wollen 🙂

    Liebe Grüße
    Anke

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anke,
      vielen Dank für die Antwort. Es war wirklich ein wunderbarer Tag, mit dessen Ergebnis ich sehr zufrieden bin.
      Die Sätze mit „Wir…“ beginnen zu lassen, kam aus dem Gedanken, dass die eigene Haltung zur Kulturvermittlung formuliert werden sollte. Den Teilnehmer_innen, das hatte ich zum Abschluss auch angesprochen, steht frei, diese Struktur aufzubrechen, wenn sie an IHREM Manifest weiterarbeiten. Deine Anregung wird sie vielleicht daran erinnern.
      Auf #ArtEduTalk werde ich noch einmal hinweisen. Das Digitale stand im Modul nicht zur Debatte, ich glaube jedoch, dass ich aufzeigen konnte, dass es unvermeidlich ist, sich dem auch zu öffnen. 🙂
      Viele liebe Grüße,
      Marc

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