All The World Wide Web’s A Stage

Ein Chatprotokoll zwischen Marc Lippuner und Caspar Weimann, einem der Initiatoren von onlinetheater.live.
Ein Beitrag zur Blogparade #theaterimnetz. //

Marc
Hallo Caspar, stell Euer Projekt doch erst einmal kurz vor.

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Caspar
Wir sind eine Gruppe junger Theaterschaffender, die sich Livestreams und Social Media Plattformen zur Bühne machen – oder diese als Bühnen erkennen und nutzen. Wir versuchen, den Raum des Theaters zu erweitern – ins Netz hinein. Dafür haben wir das erste Theater im Internet eröffnet, jetzt unsere erste Spielzeit hinter uns gebracht und planen, wie es konkret weitergeht, und wo es mit dem onlinetheater.live hingehen soll. Die grundsätzliche Idee ist es, nicht die zeitgemäßen Medien ins Theater zu holen, sondern dem Theater im digitalen Teil unserer Wirklichkeit Räume zu erschließen. Das Internet ist uns mittlerweile Realität genug, um dort als Gegenentwurf zur stets penetrant anwesenden kommerziellen Unterhaltungsbranche nach und nach eine freie Kulturszene aufzubauen.

Marc
Welche Vorteile hat es, Deiner Einschätzung nach, online Theater zu machen?

Caspar
Zunächst einmal ist für uns einfach „Theater“ wichtig, es ist aber nicht nur in einem hermetisch abgedunkelten riesigen Kasten wichtig, sondern eben in den Räumen, in denen soziale Kommunikation und Versammlung stattfindet – vor allem bei jungen Menschen, die einen Großteil ihrer Zeit auf Internetplattformen verbringen und zahlreiche Informationen und Eindrücke über die Welt von dort beziehen. Das Internet gibt uns Reichweite. Jeder, der eine Internetverbindung hat, kann schauen. Von überall. Das bedeutet auch, dass Menschen, die überhaupt nicht die Möglichkeit haben, ins Theater zu gehen, gucken können. Vor kurzem schrieb mir eine Bekannte, von der ich seit Jahren nichts gehört hatte und die jetzt in Kamerun lebt, dass es toll sei, dass sie wieder Theater schauen kann, weil in ihrer Umgebung wohl selbst Kinos vor Jahren geschlossen wurden. Diese Reichweite betrifft aber nicht nur die Zuschauenden, sie betrifft auch die Agierenden. Wir können Stücke produzieren, die von unterschiedlichen Orten live gesendet werden – über Ländergrenzen hinaus. Hinzu kommt, dass uns eine Bandbreite technischer und räumlicher Möglichkeiten offen liegt, die analoges Theater nicht hat: eben den digitalen Teil unserer Welt zu bespielen, Stücke auf Social-Media-Plattformen, in Online-Games usw. Wir stehen dabei ja selbst noch am Anfang. Es gilt, alles noch auszutesten. Und das ist der nächste Vorteil: Das Internet ist für Theaterschaffende ein Spielplatz, auf dem massenweise unbenutztes Spielzeug liegt. Und dann ist da natürlich noch die Situation, in die sich die Zuschauenden begeben. Sie gehen ja nicht leibhaftig ins Theater, sie klicken sich hinein und sind dann in einer kollektiv „einsamen“ Situation. Sie sind allein, aber doch zusammen. Das ist eine Spannung, in die sich die meisten von uns tagtäglich begeben, wenn wir abends Facebook checken. Man ist dabei auf eine Weise sehr angreifbar, eben weil man allein ist. Der Zuschauerraum wird zur bloßen Information: zu einem Chatroom. Sie können sich austauschen über das Gesehene, schicken sich Links für nähere Informationen. Das ist ziemlich toll, da ein informativer Austausch stattfindet. Nach einer Werther-Vorstellung der letzten Spielzeit schrieb eine Zuschauerin im Foyerchat: „eine echt direkte und gleichberechtigte diskussion über das zusammen gesehene… im realen foyer oder auch beim publikumsgespräch kommen fremde oder auch zurückhaltendere personen ja nie so leicht ins gespräch.“ Teilweise hielten diese Diskussionen noch bis nach Mitternacht.

onlinetheater live 05

Marc
Danke für die lange Antwort. Den Werther habe ich leider nicht gesehen, jedoch Euer zweites Projekt, Follower. Ich muss zugeben: Mir hat beim Zuschauen das interaktive Element zwischen Euch und uns Zuschauenden gefehlt. Es war eher wie Filmgucken, und mir ist nicht klar geworden, wieso es „zwingend“ live sein soll. Stehen der Aufwand und das Ergebnis in gewünschtem Verhältnis?

Caspar
Schade, dass du Werther verpasst hast, weil es genau dort zu den großen Diskussionen kam. Werther und Follower waren unsere Starter. Bei Werther ging es um einen Menschen, der im Internet surft und dabei auf Dinge stößt, die wenig angenehm werden, Fälle verfolgt von suizidalen Jugendlichen, sich Gewaltvideos anschaut und Live-Pornos. Das war eine ruhigere Grundsituation, man erlebt das Stück durch Werther, der Bildschirm von Werther wird zum eigenen. Da gab es ausschweifende Diskussionen über das Gesehene. Wenn man an analogem Theater mag, dass es immer neu entsteht und immer anders ist, so kann das Follower allein durch sein Setting gewährleisten. Wir setzen da ja ein Stück in einen öffentlichen Raum, in dem die Nebencharaktere „unwissende“ Passanten sind. Dabei ist der Live-Moment gerade wichtig, da mit ihm eine ungefilterte Situation gezeigt werden kann. Wir wissen nie, welche Hindernisse uns auf dem Weg begegnen. Im Stück wird der Besitzer/die Besitzerin eines Second-Hand-Ladens überfallen. Wir kamen einmal in die missliche Lage, dass Jugendliche aus der Gegend auf die (geprobten) Schmerzensschreie den Laden stürmten und sich mit uns anlegen wollten. Für solche Momente muss Follower beispielsweise live entstehen.

Marc
Für mich als Zuschauendem muss es das natürlich nicht – ich könnte den „Film“ natürlich auch irgendwann schauen.

Caspar
Naja, aber auf eine Mediathek hast du immer Zugriff, die Stücke im onlinetheater.live laufen nur zu einer bestimmten Zeit und man kann auch nicht zurückspulen. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Film in der Mediathek. Man klickt sich ein in dem Bewusstsein, dass das gerade passiert und dass man vielleicht etwas verpasst, wenn man sich wegklickt oder sich was zu Essen holt. Das ist in meinen Augen ein großer Unterschied in der Rezeption und wurde vom analogen Theater übernommen. Letztendlich müssen unsere Stücke aber genauso wenig „interaktiv“ sein wie eine analoge Hamlet-Inszenierung interaktiv sein muss. Das Spannende oder Merkwürdige ist eben, dass beim analogen Hamlet mit vierter Wand keiner fragt, warum der Typ auf der Bühne so tut, als wäre man im Zuschauerraum nicht anwesend. Es geht um Theater, wir versuchen lediglich die mittlerweile willkürliche Grenze zwischen Theater in der „analogen Welt“ und Theater in der „digitalen Welt“ zu überwinden, Theater kann, darf und muss überall stattfinden können, an jedem Ort, auch im Netz. Und nicht jedes Theaterstück muss Mitmachtheater sein.

Marc
So gesehen übertragt Ihr das Theater unter wesentlich konservativeren Gesichtspunkten ins Netz, als ich beim Einschalten eines Online-Theaters erst einmal erwartet hatte: Keine Improvisation (es sei denn, die Umstände verlangen es, und dann am besten so, dass das Publikum es nicht merkt), vierte Wand, Textbuch, durchgeprobte, konkrete Regieanweisungen, Live Erlebnis. Mir gefällt diese Idee sehr gut. Fehlt einzig die Energie, mit der das vor einem sitzende Publikum den Rhythmus eines Stücks beeinflussen kann (aber vielleicht fehlt die auch nicht). Und der Applaus (das Brot des Künstlers). Dem Publikum bleibt die Möglichkeit, Anteilnahme in einem Chatfenster zu äußern, ähnlich wie die #Tatort-Gucker auf Twitter. Fehlt Euch da nichts?

Caspar
Ich glaube, dass „konservativ“ oder „progressiv“ sich nicht anhand von Mitmach-Spielen mit dem Publikum messen lässt. Oder messen lassen sollte. Das Wesentliche oder die Wichtigkeit von Theater im Netz auf „Interaktivität“ zu reduzieren, wäre viel zu kurz gegriffen.
Es gibt sehr viele unterschiedliche mögliche Erfahrungen von Theater im Netz. Jedes einzelne unserer Stücke ist in gewissem Sinne erst einmal Pionierarbeit, schlicht weil es Vergleichbares noch nicht gibt. Und es ist sehr wichtig, jedes Projekt eigenständig zu denken und ernst zu nehmen. Was braucht es, um dieses Thema zu bearbeiten oder jene Geschichte zu erzählen. Es sollen interaktive Stücke und Formate entstehen genauso wie nicht-interaktive.
Das Netz bietet beispielsweise eine ganz eigene Art von Intimität; jeder, der schon einmal einen sehr persönlichen Austausch via Skype, Facebook oder auch per SMS hatte, weiß, wovon ich spreche, gerade jüngere Leute kennen diese Erfahrungen, die sich auf diese Weise in einem Theatersaal gar nicht herstellen ließen. Unmittelbarkeit heute heißt nicht mehr unbedingt nur, gemeinsam in einem Raum zu sitzen.
Die Frage nach Improvisation und Interaktivität sollte damit auch schon beantwortet sein. Beide haben für uns die gleiche Bedeutung im digitalen wie im analogen Theater: sie werden gezielt als Mittel eingesetzt, nicht zum Selbstzweck, sondern der konkreten Arbeit und erzielten Wirkung dieser Arbeit dienlich. Der Live-Moment ist dabei immer ein anderer – wäre ja auch auf Dauer langweilig, wenn nicht.

Marc
Was sind Eure Pläne?

Caspar
Wir sind gerade in einem Stadium der Konkretisierung, Theoretisierung, dramaturgischen Konzeptentwicklung. Als Grundlage dient uns eine sehr weit definierbare Idee, wir schreiben gerade an einem Manifest, haben jetzt ein Portfolio über uns und was wir bisher gemacht haben, organisieren uns aber auch noch. Die ersten beiden Stücke waren die Prototypen. Da wir aber alle im Job sind, brauchen wir jetzt viel Zeit für diese Organisation. Es sind ab Mai/Juni 2018 weitere Premieren geplant, die Förderanträge dafür sind und werden gestellt. Öffentlich werden wir uns wohl Ende November/Anfang Dezember 2017 erst wieder melden. Wir haben einige Zielstellungen. Neben unseren eigenen Produktionen wollen wir das onlinetheater.live als eine Art offene Bühne anbieten – nicht nur wir sollen Stücke im Internet machen – dafür ist (noch ziemlich weit entfernt) geplant, eine Streamingplattform zu entwickeln, die verbunden ist mit einer App, mit der man sich von verschiedenen Orten zeitgleich in einem Stream verbinden kann. Das gibt es in der Form noch nicht und die eigene Streamingplattform gibt die Möglichkeit (die man nutzen darf, nicht muss), kunstfreiheitlich zu agieren – da etablierte Plattformen immer Regeln und Algorithmen haben, die die Freiheit der Kunst einschränken können. In den nächsten geplanten Inszenierungen testen wir weiter aus, was möglich ist – überregional/international, die Bespielung ungewöhnlicher Plattformen, programmiertechnisch – genaueres kann ich leider erst erzählen, wenn wir entscheiden, damit nach draußen zu gehen.

Marc
Vielen Dank, Caspar. Ich wünsche Euch viel Erfolg und schalte beim nächsten Mal sicher wieder ein.

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caspar weimann onlintheater liveCaspar Weimann wurde 1993 in Magdeburg geboren. Im dortigen Theaterjugendclub fing er früh zu spielen an und schrieb und inszenierte bald eigene Stücke. Nach seinem Abitur begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Parallel zum Studium eröffnete er gemeinsam mit Kommilitonen und einer freien Gruppe das freie Theaterhaus “Schauwerk”, gründete mit Johan Olsson die Spoken Jazz Band “Bakkhos Puns” und gewann mit seiner Studienklasse einen Ensemblepreis beim Schauspielschultreffen. Nach dem Studium arbeitete er als Gastdozent für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und an der Akademie für darstellende Kunst Baden-Württemberg, an letzterer ist er zusätzlich als Bewegungslehrer beschäftigt. Seine Band empfängt das Caspar-David-Friedrich-Stipendium. Er ist Gründungsmitglied und Initiator des onlinetheater.live.

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Alle Fotos: © onlinetheater.live

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