Man darf vom Netz keine Wunder erwarten

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Ein Interview mit dem Schauspieler Hans-Jürgen Schatz über die Rolle des Schauspielers in den sozialen Netzwerken und die Frage, ob Theater und Netz zusammen gehören.
Ein Beitrag von Marc Lippuner zur Blogparade #theaterimnetz
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Marc Lippuner
Hans-Jürgen, Du bist Jahrgang 1958 und somit nicht gerade das, was man einen Digital Native nennt. 🙂

Hans-Jürgen Schatz
Ja, das ist richtig. Und ich bin dadurch reicher. Ich hatte ein Telefon mit Wählscheibe, kann Schreibmaschine schreiben und habe Schallplatten abgespielt.
Dann habe ich eine phantastische Entwicklung miterlebt.

Marc Lippuner
Das kann ich gut nachvollziehen. Ich bin auch dankbar darum, in diese digitale Welt hineingewachsen und nicht hineingeboren zu sein.
Wann und wie hast Du die sozialen Netzwerke für Dich entdeckt?

Hans-Jürgen Schatz
Sie wurden für mich entdeckt. Meine Kollegin Antje Rietz empfahl mir Facebook, weil das doch für meine vielen Soloabende und anderen beruflichen Aktivitäten eine gute Werbemöglichkeit sei. Ich hatte mich zuvor nie mit Facebook beschäftigt, war in Klischees verfangen und dachte immer: Ich habe keine Katze, wirklich gute Sonnenuntergänge gibt es in Berlin nicht und mein Adventskranz geht niemand etwas an. Und immer wieder gibt es Menschen, die diese Vorurteile gegen Facebook bestätigen.

Fotograf Christian Schulz („Die wilden Achtziger – Fotografien aus West-Berlin“) setzt hinter die Reihe schöner Erinnerungen an „Künstler gegen Aids – Die Gala 2017“ den Schlußpunkt mit diesem Bild von Antje Rietz und mir auf dem Roten Teppich vor dem Theater des Westens. #kuenstlergegenaids #berlineraidshilfe #theaterdeswestens #benefizgala #benefizgala2017 #charity #charityevent #berlin #berliner #berlinnightlife #antjerietz #larsvestergaard #christianschulzfotografie #christianschulz #antjerietzberlin #sameprocedureaseveryyear #herrvoneden #elegantstyle #elegantmen #madetomeasure #scabal #tuxedo #mytuxedo #smoking #whiteshirt #blackandblue #blacktie #pochette @herrvoneden @alex_herrvoneden_berlin @jamesberr @theaterdeswestens @christianschulzphoto @antjerietz

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Marc Lippuner
Du bist ja nicht nur auf Facebook, sondern auch auf Instagram sehr aktiv. Wofür nutzt Du die sozialen Netzwerke?

Hans-Jürgen Schatz
Ich bin vor gut drei Jahren Facebook beigetreten und im Sommer 2016 Instagram. Es hat mir großen Spaß gemacht herauszufinden, wann es sich lohnt, wo was und warum zu posten. Das Nutzerverhalten ist oft vorhersehbar.
Ich nutze die Netzwerke ausschließlich beruflich. Ein weiser Mensch hat gesagt: Auf Facebook immer persönlich, aber nie privat. Und er hat recht. Genauso hatte ich es gehalten. Es gibt Schnittmengen, aber der Beruf muß immer überwiegen.

Marc Lippuner
Was postest Du und warum?

Hans-Jürgen Schatz
Ich poste Dinge, um sie öffentlich zu machen. Das sind natürlich meine eigenen Auftritte und anderen beruflichen Aktivitäten, die sehr breit gefächert sind. Dazu zähle ich auch die Besuche kultureller Veranstaltungen, die ja nie rein privat sind. Dann sind es berufliche Dinge von Kollegen, die ich gerne unterstütze. Likes verteile ich sehr sparsam. Manchmal auch diplomatisch.

Wichtig ist auch die Frage: Warum poste ich manche Dinge nicht? Und sie ist leicht zu beantworten: Privates gehört nicht ins Berufsleben. Es genügt, wenn der Beruf immer wieder ins Private hineinspielt.
Ich poste auch nichts Politisches. Das erspart mir viele manchmal unsägliche Kommentare, die ich anderswo lese.
Ich bin sparsam mit Kommentaren, denn die bescheren mir in der Folge oft einen Haufen von Kommentaren, die mich meistens nicht interessieren. Mir wird diese Flut unnützer Dinge oft zuviel. Wieviel Quatsch man manchmal auf WhatsApp bekommt, den halt jemand komisch findet…!
Und ich habe meinen Geburtstag gelöscht. Daraufhin kamen dieses Jahr Dutzende von Glückwünschen weniger, was doch eine Menge aussagt, und ich hatte anschließend weniger Mühe. Ich schreibe zu Geburtstagen von echten Freunden und Bekannten nie in deren Chronik. Das geht anders doch viel netter und weniger inflationär.

Marc Lippuner
Wie definierst Du Deine Rolle im Netz?

Hans-Jürgen Schatz
Wie ist das gemeint? Habe ich eine Rolle? Ich habe jedenfalls Verantwortung. Mit anderen Menschen, zumal im Internet umzugehen, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Das beginnt für mich bei so simplen Dingen, keine Fotos zu posten, auf denen jemand nicht gut aussieht. „Es ist doch nur ein Facebook-Foto“ hat für mich keine Gültigkeit. Menschen, die mich nicht gut kennen, zeige ich die Fotos meistens und wir wählen oft gemeinsam aus. Das Recht am eigenen Bild darf man nicht nur juristisch verstehen.
Ich habe auch die Verantwortung für das, was ich über eine Person oder eine Sache schreibe. Auch wenn es nur für meine Freunde und die Freunde der markierten Freunde ist, ist es doch öffentlich. Ich möchte niemand schaden.

Marc Lippuner
Ich erlebe Dich im Netz – und das meinte ich mit „Rolle“ – als starken Netzwerker und Unterstützer jüngerer Kolleg_innen. Glaubst Du, dass über persönliche Empfehlungen in den sozialen Medien Zuschauerräume gefüllt werden können oder Jobs angeboten werden?

Hans-Jürgen Schatz
Ja, daran glaube ich fest und habe auch entsprechende Erfahrungen gemacht. Steter Schatz höhlt den Stein… Ich selbst habe durch die kontinuierliche Facebook-Arbeit – und es ist Arbeit, wenn man es ernst nimmt – eine große Präsenz bei Menschen erreicht, die ich oft über Monate nicht spreche oder sehe. Was früher Yellow Press und Tageszeitungen für mich waren, ist heute das Netz für mich und viel wirkungsvoller und weitreichender.
Persönlich habe ich in jüngster Zeit die Erfahrung gemacht, daß ich in nur vier Wochen zwei Vorstellungen eines neuen Projekts mit Hilfe von Facebook voll bekommen habe, natürlich nicht nur durch die reine Bekanntgabe. Man muß schon immer einen neuen, guten, knappen Text schreiben und die Mitwirkenden teuer verkaufen. Und es braucht gute Fotos! Es gibt soviele häßliche und technisch unbrauchbare Bilder im Netz! Da bin ich sehr pingelig. Ich finde auch wichtig, was man zuerst sieht und liest, wenn ein Post sich öffnet. Noch lange klicken und scrollen, das will niemand.

Ich höre es gerne, wenn Freunde mir bestätigen, ich hätte eine ganz eigene Handschrift entwickelt und besonders gute Fotos. Das alles macht etwas Mühe, aber ich meine, es lohnt sich. Denn auch das sagt ja etwas über mich aus. Ich verstehe Facebook, also wörtlich Gesichtsbuch, im übertragenen Sinne auch als Profilbuch. Darum poste ich alles, was mich beruflich ausmacht. Und darunter sind etliche Dinge, die mir nicht pfundweise Likes einbringen. Aber sie gehören zu mir.
Ich konnte Kollegen zu einem gewissen Bekanntheitsgrad verhelfen, der ihnen beim Verkauf von Solo-Abenden beispielsweise geholfen hat, weil sie durch die regelmäßige Präsenz im Netz mehr, neues und ganz anderes Publikum gewonnen hatten. Man darf nur nicht davon ausgehen, daß alle Welt Facebook hat und es auch sieht. Es leben auch noch andere Menschen, die darf man nicht abhängen. Da hilft dann eine Mail oder auch die gute alte Post.
Über erlangte Jobs kann ich nichts Konkretes sagen, aber ein bekannteres Gesicht in steter Verbindung mit dem Namen ist viel wert. 

Marc Lippuner
Noch einmal etwas ganz Grundsätzliches: Welche Rolle spielen, Deiner Einschätzung nach, die darstellenden Künste im Netz?

Hans-Jürgen
Das ist schwer zu beurteilen, wenn man nicht einzelne Theater oder Opernhäuser abonniert hat. Ich habe wenige Seiten abonniert, weil mir die Flut von Informationen und Werbung einfach zu viel wird. Ich bin als Non-Digital-Native auch eher papieraffin und schaue gerne in eine Vorschau, in einen Folder usw. Und die Erfahrung lehrt, daß ich kein Einzelschicksal bin. Man darf vom Netz keine Wunder erwarten.

Marc Lippuner
Wie erlebst Du Theater(institutionen) im Netz? Gibt es Theaterhäuser, die Dir wegen ihrer Soical-Media-Aktivitäten auffallen? Und falls ja, was machen sie richtig oder grundlegend falsch?

Hans-Jürgen Schatz
Ich meine, dass das Internet von den Kollegen an den Theatern sehr unterschiedlich genutzt wird. Die Deutsche Oper Berlin oder die Komische Oper sind im Netz sehr fleißig und denken sich immer was aus. Dann gibt es Häuser, die nutzen die Möglichkeiten von Facebook und Instagram höchst unterschiedlich, unzureichend oder gar nicht. Das ist doch in gewisser Weise liegengelassenes Geld. Da ist es dann auch fast unmöglich, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, indem man nach einer Premiere einen knackigen, nicht zu persönlichen Beitrag postet, der doch eigentlich nur geteilt zu werden bräuchte. Interessanterweise nutzen die Häuser mit wenig Geld das Netz am wenigsten. Jedenfalls in dem Radius, den ich überschauen kann.
Social Media macht Mühe, braucht Phantasie und Kreativität. Wenn man über diese Eigenschaften nicht verfügt und z.B. Fotos nicht schon im Hinblick auf Inhalt und Layout eines Posts mit mehreren Fotos macht, dann fehlt schon mal was. Und wenn man auf einer Premierenfeier gar keine (anständigen) Fotos von prominenten Gesichtern macht, dann fehlt erst recht was. Und wenn man Dinge schlecht oder gar nicht beschriftet, kann man sie auch gleich weglassen.

Marc Lippuner
Hast Du ein paar Empfehlungen, welchen Theatern / Theaterhäusern / freien Gruppen / Kolleg_innen wir in den sozialen Netzwerken folgen sollten? Warum?

Hans-Jürgen Schatz
Immer wird einer von uns ein Theater seiner Wahl oder mehrere empfehlen können. Aber ob es sich lohnt, Ihnen (aus gleichen Gründen) in den Netzwerken zu folgen, das ist schwer zu sagen. Vor allem eine unaufdringliche und kontinuierliche Arbeit seitens der Häuser erscheint mir wichtig. Was einzelne Kollegen im Netz tun, erfahre ich natürlich auch nur, wenn ich ihre Seiten abonniert habe oder ich mit ihnen auf Facebook befreundet bin. Das kann ich also nicht befriedigend beantworten. Instagram bietet da andere Möglichkeiten. 

Marc Lippuner
Glaubst Du, dass das Digitale und das Netz auch den Theaterraum selbst erobern werden? Welche Visionen hast Du, wenn du „Netz im Theater“ und „Theater im Netz“ hörst?

Hans-Jürgen Schatz
„Theater im Netz“ scheint mir was Gutes zu sein. Es bedeutet Präsenz – durch Werbung oder Präsentation von Arbeit. Da die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Kultur- und Bildungsauftrag weitgehend vernachlässigen (wir aber trotzdem weiterhin die selben Gebühren zahlen), muß diese Arbeit vielleicht eines Tages vom Netz übernommen werden, sofern die Urheberrechtler da mitmachen. Oper können wir mittlerweile ja auch im Kino sehen.

„Netz im Theater“? Da denke ich zuerst an störend klingelnde Mobiltelefone oder solche Vollpfosten, die während der schönsten Aufführungen permanent Nachrichten versenden. Warum sitzen die überhaupt im Zuschauerraum?
Was noch kann „Netz im Theater“ bedeuten? Übersehe ich etwas? Zuviel Technik (Videofilme, auf Leinwand übertragene Gesichter der Akteure usw.) verdirbt einen echten Theaterabend. Gerade auch junges Publikum ist immer wieder fasziniert vom hundertprozentig handgemachten Liveeindruck. Das ist durch keine Technik zu überbieten. Zuviel Optik verstopft die Ohren. Ich habe es oft am eigenen Leibe erlebt. Wozu also?

Marc Lippuner
Wir haben 95 Thesen zu Theater im Netz aufgestellt. Ich habe nun einige herausgesucht, mit der Bitte um ein kurzes Statement dazu.

3

Hans-Jürgen Schatz
Ja. Durchaus. Wenn es ohne belehrenden Zeigefinger stattfindet, ist das denkbar. Und ohne unnötige Modernisierungen von Klassikern. Einfach mal wieder auf Texte und Inhalte besinnen, auf intelligente Personenregie. Das kommt im wahrsten Sinne des Wortes beim Publikum an.


18

Hans-Jürgen Schatz
Die Erstellung des Spielplans? Das wäre mal eine spannende Sache und man sollte bei der Analyse des Ergebnisses auch erfahren können, welche Altersgruppen wie gewählt haben.

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Hans-Jürgen Schatz
Sollte das unaufdringlich geschehen können, warum nicht? Aber eine ganze Inszenierung durch Produktplatzierungen finanzieren zu können, erscheint mir unmöglich. Ich möchte neben dem Schafott der Maria Stuart jedoch keine Werbung für rostfreie Messer aus Solingen haben oder in Frühlings Erwachen Kondomwerbung...

23

Hans-Jürgen Schatz
Ja. Eine gute Theateraufführung kann einem in der Tat mehr geben als ein Dutzend sozialer Kontakte am Tag, wenn es keine besonderen Kontakte sind. Aber ob sieben Theaterbesuche pro Woche auch den Wochenbedarf decken? Ich zweifle.

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Hans-Jürgen Schatz
Das wäre mal eine lebensnahe Angelegenheit. Das entspräche Stunden, die sich mittlerweile auch mit Vertragsrecht usw. befassen. Es herrscht nicht nur unter Berufsanfängern geballte Ahnungslosigkeit über viele Dinge.

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Hans-Jürgen Schatz
Nächste Frage…

Marc Lippuner
Vielen Dank für das Gespräch!

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Hans-Jürgen Schatz, Jahrgang 1958, erlangte bundesweite Bekanntheit durch seine Mitwirkung in dem Spielfilm-Mehrteiler Heimat sowie in Serien wie Der Fahnder oder Salto Postale. Er machte sich darüber hinaus als Theaterschauspieler, künstlerischer Leiter der Jean-Paul-Tage in Bad Berneck, Sprecher von Hörbüchern und Rezitator einen Namen. 

Links:
Website von Hans-Jürgen Schatz
Facebook-Seite von Hans-Jürgen Schatz
Instagram-Account von Hans-Jürgen Schatz 

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Beitragsbild: Zusammenstellung von Fotos von Hans-Jürgen Schatz‘ Instagram-Account

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2 Antworten zu “Man darf vom Netz keine Wunder erwarten

  1. Pingback: 95 Thesen zu #TheaterimNetz – Aufruf zur Blogparade |·

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