Theater aus den Fugen? Was sich seit #TheaterImNetz getan hat.

von Anne Aschenbrenner //

Theater im Netz – ein Jahr ist vergangen, seit wir die Frage nach der schwierigen Beziehung von Theatern im Netz zu einer zentralen Kulturfritzen-Frage gemacht haben. Einen Überblick dazu erhältst du hier.

Wir fragen uns nun: Was hat sich seitdem getan?

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Theater als Snapchat-Story?

Zögerlich zeigen Theaterhäuser Bereitschaft, sich digitalen Trends zu öffnen: Mit dem Wiener Volkstheater  und dem Odeon Theater lassen im Wiener Raum zwei Theaterhäuser digitale Strategien erkennen. Man testet neue Formate im Digitalen (z.B. Facebook Live) und ist offen im Austausch: Im Volkstheater konnte das stARTcamp 2016 stattfinden, dem Social Media Stammtisch Kultur wird im Februar 2017 Quartier geboten, derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne, zur Finanzierung von Theaterbesuchen für sozial benachteiligte Menschen. Das Odeon Theater streamte nicht nur die Programmpräsentation via Facebook Live sondern auch von Theaterproben. Das Theater in der Drachengasse versucht sich hingegen an einer interaktiven Inszenierung für junges Publikum.- Handys im Theater sind ausdrücklich erwünscht.

Was es immer noch nicht gibt (übrigens auch im deutschsprachigen Museumsbereich nicht), was aber notwendig wäre, ist eine fundierte Analyse. „Il Sole 24 Ore“, eine der wichtigsten italienischen Wirtschafts-Tageszeitungen, hat mit Daten vom italienischen Kulturministerium eine sehr schöne, interaktive Übersicht über Social Media Aktivitäten der italienischen Museen erstellt. In Wien, das nur als Randnotiz, feiert man die großen Veränderungen in den Umbenennungen von Museen…

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Smartoper, MTTW 2016, Foto: Martin Wenk & Florian Diehl

Dass sich der digitale Gedanke im Theaterbereich auch 2017 nicht durchgesetzt hat, beschreibt Ute Vogel in ihrem jüngsten Kommentar auf den Essay „Accountleichen oder digitale Stragien“: Sie erzählt dort von dem Vorhaben Navid Kermanis, eine Theaterreise durch Deutschland zu machen und mit Theatermacher_innen verschiedenster Häuser über die aktuelle, beunruhigende Weltlage zu sprechen: ”Welt aus den Fugen – wie weiter nach Brexit, Terror, Trump und Aleppo?“ Gerne würde ich hier auf das Projekt verlinken, allein, ich bräuchte einen Link. Zumindest auf die Übersicht der Stationen lässt sich verlinken, damit man weiß, wann man wo (nicht) dabei sein kann.

Hätte es Ute Vogel nicht unter meinem Blogpost kommentiert, und wäre ihr das nicht zufällig im Leben untergekommen – wir hätten beide nie davon erfahren. Und Du vielleicht auch nicht? Vorbehalten sind diese Gespräche nur einem analogen Publikum, und auch diesem nur sehr beschränkt: Die Karten sind naturgemäß rasch ausverkauft. Wer, fragt man sich, schwimmt da eigentlich in welcher Blase?

Dieses Beispiel, nämlich genau dieses, wo Theater Stellung beziehen möchte, Plattform für Diskurs sein möchte, zeigt sehr, wie dringend Theaterhäuser sich dem Digitalen öffnen müssten, will man das Netz nicht den Trollen und Hatern überlassen. Wenn nicht die Kunst das Netz für sich beansprucht, wer soll es denn dann tun? Und wollen wir das wirklich?

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Und wo stehen die Theater heute?

Die Theater sind traditionelle und wichtige Diskursräume, sie sind vielleicht überhaupt einer der letzten Orte, wo sinnstiftend öffentlicher Diskurs stattfinden kann – und nie war, Pardon, wäre, es so einfach wie heute – Algorithmus hin, Filterblase her – Menschen daran teilhaben zu lassen. Ich kann das Haus meiner australischen Cousine auf Google Maps anschauen. Ich erfahre von ihrem neugeborenen Sohn auf dem anderen Ende der Welt schneller, als meine Großmutter noch von meiner Geburt vor 35 Jahren erfahren hat, gleichwohl sie nur drei Gassen von meinen Eltern entfernt wohnte. Warum also soll ich nicht in Wien einem Gespräch zum weltpolitischen Wahnsinn in Theaterhäusern in München, in Frankfurt, in Berlin beiwohnen und mitreden können?

Das Thalia Theater ist das einzige, das zu Kermanis Theaterreise einen Stream ankündigt. Ich frug auf Facebook bei den anderen Häusern an und das Schauspiel Frankfurt war das einzige, das antwortete. Sie streamen nicht.  (Ute Vogel)

Produktiver Diskurs und Netz muss sich nicht ausschließen: Sachorjetzt erzählt Jugendlichen auf Snapchat Geschichte des Holocaust speziell für 14- bis 16-Jährige, Hochkant informiert ebendie und ebendort über tagesaktuelles Geschehen. Womöglich könnten auch Theater dort oder auf anderen Kanälen Diskussionsräume eröffnen und (wieder) Plattform werden – und womöglich auch noch neue Zielgruppen erschließen. Aber: Will man das eigentlich?

Am 6. und 7. Mai findet die nächste Ausgabe der Konferenz „Theater & Netz“ der Heinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de statt. Man möchte über die Zukunft sprechen. #TheaterImNetz: Please hold the line.

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6 Antworten zu “Theater aus den Fugen? Was sich seit #TheaterImNetz getan hat.

  1. Ja, … es ist ein Trauerspiel. Und so lange Theater Kommunikation und Dialog nicht ins Digitale ausweiten, sind mir lustige Backstagebilder auch realtiv wurscht. (Nichts gegen eine gut konzipierte begleitende Backstagestory!)
    Kleine Korrektur: Navid Kermani spricht nicht mit TheatermacherInnen, sondern mit Politikern, Soziologen, Philosphen, etc.

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  2. Den Link zu den Kermani-Terminen gibt es hier: http://www.navidkermani.de/view.php?nid=32
    Wobei mich eher interessieren würde, wer diese Reise veranstaltet, bezahlt, organisiert und warum. Ich glaube nicht, dass die Theater das durchführen, die werden nur die Infrastruktur zur Verfügung stellen, kostenlos?
    Warum DAS Theater „vielleicht überhaupt einer der letzten Orte, wo sinnstiftend öffentlicher Diskurs stattfinden kann“ sein soll kann ich nicht nachvollziehen, es ist auch nicht des Theaters Kernkompetenz Podiumsdiskussionen zu veranstalten, so wie ich das sehe. Dazu sind sie in der Regel viel zu sehr selbst Objekte der Politik, siehe dieses unsägliche Volksbühnengegeifere im Berliner Wahlkampf. Als ob Berlin keine anderen Sorgen hätte.
    Wenn wir über Service der Theater im Social Web reden, sollten wir über Theaterstrukturen nachdenken. Alles Top down dort, in aller Regel. Change-Management ist wohl auch künftig nicht angesagt. Wir sollten über Menschen im Theater reden, die so etwas machen sollen, wollen, müssen. Wir sollten über Selbstausbeutung sprechen, über Zwangsfluktuation z.B. bei Intendantenwechseln. Wie nachhaltig wird da überhaupt agiert, kann da agiert werden?
    Man könnte übrigens einmal nachhaken, welche Agenturen da mitmischen? Theater sind Firmen, die Firmen beschäftigen!
    Überhaupt: Was denken die künstlerisch agierenden, für mich die Hauptpersonen, über das Theater im Netz? Wollen sie sich da einbringen, ist das nicht zu viel, zusätzliches Gewerke?
    Jetzt auch noch: Gibt es überhaupt sehr viele Adressaten um Publikum? Interessiert das überhaupt jemand? Ich kenne nicht viele.
    Ich las diesen Artikel zufällig zuerst im Casino des Werkhauses des Nationaltheaters Mannheim, auf die Straßenbahn dort wartend. Eine für alle offene Kneipe. Ich war dort auf ein Bier. Während ich den Artikel las kamen Zuschauer und Teile des Ensembles hereingeschwebt, kauften sich Getränke und setzten sich grüppchenweise zusammen. Man tauschte sich über das Stück aus, ich sparte Geld, weil ich nachfragte und wenig positives erzählt bekam, natürlich nicht vom Ensemble, die werden sich hüten etwas von sich aus in den öffentlichen Raum zu werfen, es ist ja ihr Arbeitsplatz. So. Und niemand hatte zunächts ein Smartphone in der Hand. Natürlich checkten die jungen Schauspieler ihre Handys, aber ein Diskurs, auch noch im Netz?
    Später kam dann doch der Tweet von Thomas, aber der gehört eh zu den Ausnahmen. https://twitter.com/tkrooss/status/827982821939695617

    Kann es sein, dass wir einem Phantom hinterherjagen?

    Aber: Es tut sich etwas theatertypisches. Langsam aber sicher wird das Netz zum Thema AUF der Bühne. Es werden Geschichten darüber erzählt, im Netz kritisiert, weil es eben Teil des Lebens ist und das ist gut! Die AutorInnen bringen das ein. Das ist die traditionelle Methode Diskurse zu führen, finde ich, keine Podiumsdiskussionen. Natürlich kann das Theater auch Raum zur Verfügung stellen, gerne, nur ist das keine Theaterarbeit für mich.

    Ein paar Links dazu?
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/schauspiel-frankfurt-theater-besiegt-internet-1.2908281
    http://theaternetz.jpbw.de/
    http://theatertreffen-blog.de/tt14/das-internet-ist-keine-litfasssaeule/
    http://www.aachener-zeitung.de/lokales/dueren/theater-captain-sorglos-und-der-faire-umgang-im-internet-1.1486455
    http://www.deutschlandradiokultur.de/thementage-schauspiel-frankfurt-ist-das-internet-das.1013.de.html?dram:article_id=348957
    https://www.apikula.de/leistungen/detail/internet-theater.html
    (Die Referenzen beachten!)
    Gaaanz alt
    https://books.google.de/books?id=CH1LCgAAQBAJ&pg=PA12&lpg=PA12&dq=theater+internet&source=bl&ots=sgMeV3yD2C&sig=wWEzah-7D3Z6RApI0I02HBSgXL0&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi6gNjr2PjRAhUiAZoKHUL6DhY4ChDoAQhHMAk#v=onepage&q=theater%20internet&f=false

    Nur so zum nachdenken. Ach so das mit Böll und Nachtkritik…
    Vorletztes mal hat der Lilienthal geschwafelt, vs Peymann. Letztes Mal traten die typischen Netzprofis Trittin und Hegemann auf…
    Ich erwarte mir da garnix ‚von. Würde denn nachtkritik.de ihre Kunden vergraulen? Nein, das sind nicht die Leser, das ist das Marketing der Theater, oder?

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    • Lieber Mikel, ja das mit dem Veranstalter würde mich auch interessieren. Beim Thalia läuft es ja unter den „Spiegel-Gesprächen“, aber nur dort.
      „Das Theater vielleicht überhaupt einer der letzten Orte, wo sinnstiftend öffentlicher Diskurs …“ finde ich schon. Natürlich nicht mit dem Format ‚Podiumsdiskussionen‘. 😉
      Es wird auf der Bühne inhaltlich verhandelt und manche Theater bringen sich ja auch so (gesellschafts-)politisch ein. Das Schauspiel Köln macht ziemlich coole Sachen, nur erfährt man leider wenig davon, weil es so schlecht kommuniziert wird. Sie haben aus ihrer Interimsspielstätte das Beste gemacht, einen öffentlich Garten angelegt, mit Schnippelküche, Foodsharing, Saatguttauschtagen, gemeinsamen gärtnern, etc. Sie gehen in das Stadtviertel zu dem Menschen, haben ein Theaterstück zu dem NSU Anschlag in der Keupstraße mit den Betroffenen entwickelt, machen da Traumabewältiung – als einzige!? Machen Workshops und Projekte zum Thema Stadtentwicklung, ganz konkret im Viertel mit den Menschen, arbeiten mit Jugendlichen – mit ihren kreativen, theatralen Mitteln. Das ist super.
      Und ja, natürlich werden die Netz-Themen inhaltlich auf der Bühne bearbeitet und eingesetzt. Da habe ich auch schon tolle Sachen gesehen. Der neuralgische Punkt ist die Kommunikation. Und dafür gibt es im Theater Fachabteilungen und ich glaube nicht, dass die, wie z. T. das künstlerische Personal, beim Intendantenwechsel ausgetauscht werden. Da muss es dann eine entsprechende Ansage von der Intendanz geben, so wie es die ja auch zur visuellen Kommunikation gibt. Oder es muss entsprechende Köpfe in der Leitung der Abteilung geben. Aber so lange da nur in Plakaten und Spielzeitheften gedacht wird … pfft.

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