Bosch im Detail

von Marc Lippuner //

Meine erste Erinnerung an Hieronymus Bosch ist ein dickes, schweres Buch, das im obersten Regal des elterlichen Wohnzimmerschranks in für Kinderhände unerreichbarer Höhe herumstand. Als ich meine Mutter kürzlich danach fragte, sagte sie, dass sie es sich damals gekauft habe, obwohl es richtig teuer war: „96 Ostmark, steht noch drin, handgeschrieben.“ Für Bosch opferte sie ihr ganzes Lehrlingsgeld; 17 oder 18 muss sie gewesen sein, damals, 1976, als das Buch erschien. Doch woher kam diese Begeisterung für Bosch? „Keine Ahnung“, so meine Mutter, „das war eben mal außergewöhnliche Malerei und man kann jedes Bild ewig anschauen und findet immer wieder was Neues, diese Phantasie des Malers hat mich so begeistert, abstrakter gehts kaum und doch so fein gemalt, dass die Bilder so lebendig wirken.“ 

40 Jahre ist der opulente Bildband mit Texten aus dem Nachlass Wilhelm Fraengers nun alt. Ein gutes halbes Jahrtausend älter sind die dort abgedruckten Gemälde, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben, wie die zahlreichen kunsthistorischen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Werk Hieronymus Boschs zeigen, die in diesem Jahr aus Anlass seines 500. Todestags realisiert wurden: So ging im Madrider Museo del Prado gerade die größte Bosch-Ausstellung aller Zeiten zu Ende, in Nordbrabant, der Provinz, in der auch Boschs Heimatstadt ’s-Hertogenbosch liegt, wird eine Grand Tour zu sieben Museen angeboten, die 13 Ausstellungen rundum Bosch zeigen, das Bucerius Kunstforum in Hamburg widmete sich in einer Sonderschau den Epigonen Boschs, die seine Bilderwelten aufgriffen und adaptierten. In Berlin zeigen die Staatlichen Museen ihre Bosch-Bestände, in der Alten Münze wird sich dem Maler multimedial genähert.

Multimedial ist im gewissen Sinne auch der Beitrag des vielleicht bekanntesten niederländischen Autors – Cees Nooteboom – zum Bosch-Jahr: Der 76-Jährige wurde eingeladen, für einen Dokumentarfilm über seinen Landsmann, zentrale, in europäischen Museen ausgestellte Bosch-Werke zu besuchen. Und so reiste er nach Lissabon, Madrid, Gent, Rotterdam und s-Hertogenbosch, um dem rätselhaften Maler, der ihn seit seiner Studienzeit fasziniert, mit Altersweisheit erneut entgegenzutreten.

img_2919Über seine Eindrücke hat Nooteboom einen Essay geschrieben, der im Frühjahr diesen Jahres bei Schirmer/Mosel erschienen ist. In sechs Kapiteln und fünf Postskripta spürt er während seiner Reisen zu Hieronymus Bosch eigenen Erinnerungen nach, die sich im Laufe von 60 Jahren zu eigenen Wahrheiten verdichtet haben.

Roland Barthes zufolge lässt sich eine Erinnerung niemals getreu wiedergeben, alles Mögliche stellt sich uns dabei in den Weg, wir verformen unsere Erinnerungen, weiten sie aus, lügen, ohne es zu wissen, manipulieren, was wir für unser Gedächtnis halten, schreiben eine Wahrheit, die es nie gegeben hat und leben damit weiter. […] Kann ich, ein reichliches halbes Jahrhundert später, noch mit denselben Augen schauen, die in der Zwischenzeit so viele andere Dinge gesehen haben? Oder sehe ich, weil sich meine Art zu schauen verändert hat, jetzt ein anderes Bild?

Nooteboom fantasiert und fabuliert über Futurismus, Faschismus und Freuds Psychoanalyse, denn all jene Phänomene des letzten Jahrhunderts, die Bosch naturgemäß nicht gekannt hat, scheinen in seinen surrealen Bildern vorweggenommen zu sein, auf Triptychen, in denen tierköpfige Menschen sich in grotesken Situationen zwischen Paradies und Hölle seltsam selbstverständlich aneinander reihen.

Bedeuten diese Bilder vielleicht, dass die Menschheit so oder so schuldig und verdammt war? Hatte Hieronymus Bosch eine düstere Vorahnung in Bezug auf diese Schöpfung? Und sehe ich diese Vorahnung auch in den Augen Christi, den Augen eines Mannes, der mich ansieht und vom Feuer und dem Gemetzel oben im rechten Flügel weiß? Doch hört ein Gemälde beim Rahmen auf? Und steht es fest, dass ein Gemälde rechts endet und links beginnt?

Nooteboom nimmt uns so mit in die Museen, teilt mit uns sein Wissen, das helfen könnte, die rätselhaften Bilder Boschs zu dechiffrieren. Zugleich hinterfragt er aber auch, ob dieses Wissen überhaupt notwendig sei, um von den Details der Boschschen Wimmelbilder, in denen nicht nur Nootebooms Augen sich so schnell und so gern verlieren, gefangengenommen werden zu können, ob sie das Rätsel nicht gar noch vergrößern: Das Messer zwischen zwei Ohren, das sich fortzubewegen scheint, der finstere Mann mit Mönchskappe und einem Pfeil im Anus, der eine wackelige Leiter besteigt, vierköpfige Vögel, schwarze Miniatureinhörner, ein gefräßiger Fischkopf, Menschen in Blasen oder zerbrochenen Eierschalen, eine Schar Nackter vor einer riesigen Erdbeere… Es sind absurde, verstörende und betörende Details, die Nooteboom in seinem Essay beschreibt. Und als ob es einer Beglaubigung dieser surrealen Motive bedürfe, schmücken den Text mehr als 60 begleitende Abbildungen.

Allesamt Details, allesamt ellipsenförmig: wie Vergrößerungsgläser, die eine literarische Reise zu Bosch illustrieren, uns aber schlussendlich den Blick auf das Ganze bewusst verwehren. Den Renaissancemaler und sein Werk gänzlich zu erfassen, konnte und sollte auch nicht der Anspruch Nootebooms sein, der schmale Text stellt lediglich (s)eine Möglichkeit dar, sich Hieronymus Bosch in einer Verflechtung von persönlichen Reflexionen und kunsthistorischen Betrachtungen anzunähern.

Und so verstehe ich den lesenswerten Text durchaus auch als Aufforderung, selbst auf Entdeckungsreisen zu Hieronymus Bosch zu gehen. Da mir eine Rundreise zu seinen in zahlreichen Museen Europas hängenden Werken vermutlich nicht so bald finanziert wird, bleibt mir der Blick in den Fraenger-Bildband meiner Mutter, den übrigens Cees Nooteboom selbst nicht nur aufgrund der ausfaltbaren Reproduktionen nachdrücklich zur Anschauung empfiehlt.

Cees Noteboom: Reisen zu Hieronymus Bosch. Eine düstere Vorahnung.
München: Schirmer/Mosel 2016
Anzahl der Seiten: 80
ISBN: 978-3-8296-0746-9
Preis: 29,80 €

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Zur Info

Die Fotos des Fraengler-Bildbandes hat Dorothea Lippuner gemacht. Die Fotos des Noteboom-Buchs stammen von Marc Lippuner. Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet würden.

Dieser Beitrag entsteht im Nachklapp zur Bloggerreise #Grenzverkehr, die mich im August 2016 im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse nach Flandern und in die Niederlande führte. Dort kam ich bei einen Probenbesuch zur Oper BOSCH BEACH mit Hieronymus Bosch in Berührung und entdeckte bei nachfolgenden Recherchen das hier besprochenene Buch. 

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Eine Antwort zu “Bosch im Detail

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