Proben und die Hölle auf Erden

von Marc Lippuner //

Probenbesuche sind ja ungemein beliebt – nicht nur in den Abteilungen für Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch beim Publikum. Für mich als Regisseur sind sie so etwas wie die Hölle auf Erden. 🙂 Eigentlich für die meisten Theaterleute, die ich kenne:
Eine Klein- oder Großgruppe schleicht – laut mit Jacken, Mänteln und Taschen raschelnd – während einer der kostbaren Bühnenproben in den Zuschauerraum, um sich – vorab von der Dramaturgie konzeptinfiltriert – einige Tage vor der Premiere einen exklusiven Eindruck von der fast fertigen Produktion zu verschaffen. Das künstlerische Team auf und vor der Bühne verkrampft, sobald die Tür sich öffnet, weil „fast fertig“ eben nicht „fertig“ ist, zumindest nicht fertig genug, um die Inszenierung – und sich – entspannt hausexternen skeptischen oder auch wohlmeinenden Blicken auszusetzen. Also quält man sich durch diese viertel- bis halbstündigen Besuche, indem man ein zwei Szenen spielen lässt, die anschließend für Kommentare und Fragen freigegeben werden, oder aber – was noch unangenehmer ist – man simuliert Probenarbeit, indem man Dinge wiederholen lässt, unterbricht und korrigiert – betont cool oder aber eine Spur zu laut und unwirsch, weil man weiß, dass die Probenbesucher_innen sich heimlich so etwas erhoffen…

Und ja, ich weiß natürlich, dass die Wahrnehmung endprobenstressbedingt und selbstzweifelgeplagt „ein ganz kleines bisschen“ überzeichnet ist. 😉

Vor einigen Wochen habe ich nun zum ersten Mal selbst so eine Probe besucht. Und mich dabei ertappt, wie ich – bemüht, leise Platz zu nehmen – mit dem Stuhl hörbar über den Boden kratzte, wie ich mal skeptisch und mal wohlmeinend den Blick schweifen ließ, wie ich den Anweisungen des Regisseurs (vom Typ eher gelassen) lauschte und ganz heimlich auf eine kleine Empörung hoffte.

Es war auf der Probebühne des LOD muziektheaters, einer hohen, mittelgroßen Halle auf dem de-Bijloke-Gelände in Gent. Auf der Bühne ein halbaufgeblasener silberner Pavillon, davor ein Flügel. Hinten auf der Bühne saßen drei junge Menschen in hautengen schwarzen Overalls, neben, später auf sich silberne abstrahierte Tierköpfe.

Ein Hochsitz, ein paar Barhocker, Liegestühle, Sitzsäcke, eine Handvoll Requisiten. Zwei Sänger und eine Sängerin, in bequemen, schwarzen Probenoutfits, die Macarena tanzend „Disco for the Hip, Disco for the Ass“ sangen, eine Korrepetitorin, die wohl nur scheinbar arhythmisch dagegen setzte.

Ein verpasster Einsatz hier, ein paar vertanzte Schritte dort. Alles halb so schlimm, drei Wochen vor der Premiere. Aber man spürte, wie unangenehm den Dreien diese Fehler waren vor dieser ihnen unbekannten Kleingruppe deutscher Blogger_innen, die nachsichtig lächelten, jedoch nicht aufmunternd lachten, weil sie ja nicht stören wollten.

Die Hölle auf Erden also. Für die an sich lapidare Situation eines Probenbesuchs ein völlig überzogenes Bild. Aber es ist nicht ganz zufällig gewählt, denn: Wir sind – mit Vorankündigung natürlich und vom Dramaturgen konzeptinfiltriert – in den geschützten, „heiligen“ Probenraum eingedrungen und haben – von den Akteur_innen bestmöglich ignoriert – den Probenprozess gestört. Den Probenprozess einer Uraufführung, in der die Protagonist_innen in ihrer heilen, wenn nicht gar „heiligen“ Urlaubszeit bestmöglich zu ignorieren versuchen, dass ihnen Menschen vor die macarenahüpfenden Füße gespült werden, tot oder lebendig, Menschen, die über das Mittelmeer geflüchtet sind vor Krieg und Gewalt, Menschen, die nun die geplante, sich repetierende Abfolge von Sea, Sex and Sun mehr oder weniger vorangekündigt stören. Während wir – und damit beende ich diesen bemühten Vergleich – den Schauplatz nach wenigen Minuten wieder verließen und die Proben unbehelligt weitergehen konnten, bleiben die Gestrandeten: in Flüchtlingsunterkünften, auf Friedhöfen, in den Köpfen der Urlauber. Egal wie sehr diese auch versuchen, sich das alles mit Cocktails schönzutrinken oder mit ihren sonnenverbrannten Körpern schönzuvögeln: Das Paradies auf Erden ist zum falschen Paradies geworden, zur Hölle auf Erden – der Strand von Lampedusa zum BOSCH BEACH.

Es verwundert nicht, dass ausgerechnet Hieronymus Bosch Pate stand für dieses Szenario aus Lust, Luxusproblemen, Moral und Schuld, das der flämische Autor Dimitri Verhulst in ein schmales, gerade mal sieben Seiten umfassendes Libretto gegossen hat.

In BOSCH BEACH, the idea of hell on earth is taken as the starting point for a look at today’s world through Bosch’s eyes. What would hell look like today? Perhaps it would be like the British science fiction author J.G. Ballard so often described it: a world of the petty bourgeoisie lying around a swimming pool, wallowing in the inertia of the consumer society, with a resident orchestra playing in the background. In Bosch’s day, there was the notion of the ‘False Paradise’. People live in what at first sight appears to be ‘the best of all possible worlds’, while in another light this false paradise is not much different from hell on earth. Where is today’s false paradise, our hell on earthlod? Where do morality and responsibility make an appeal to mankind?

„Kein Maler vor und nach ihm hat die Laster und Lüste der Menschheit, die Verheißungen des Paradieses und die Schrecken der Hölle so faszinierend und zugleich verstörend in Bilder gefasst wie er“, heißt es im Klappentext zu Cees Nootebooms kürzlich erschienenen Essay über Bosch. Die Figuren in seinen Gemälden leiden nicht, egal was mit ihnen geschieht, sie wundern sich nicht über die wundersamen Wesen um sich herum, sie begegnen mit seltsamem Gleichmut ihrem Sein, denn von Schicksal kann man gar nicht reden bei Boschs skurrilen Zustandswimmelbildern.
Diese jahrhundertealte Gefühllosigkeit, die Unfähigkeit zu Empathie, spiegelt sich in den drei cocktailschlürfenden und sich gegenseitig verführenden Touristen wider, die uns in BOSCH BEACH begegnen, begleitet von jenen zu diesem Ort – der Hölle auf Erden – gehörenden Boschschen Zwitterwesen. Sie sehen das Leiden der anderen, aber es berührt sie nicht oder es berührt sie nicht mehr, da die Schuld der globalisierten Welt ja nicht die ihre ist. Oder doch? BOSCH BEACH hat sich komplexer Fragen angenommen:

Is it not we, in the rich West, who are responsible for the poverty and wars in Africa? Do we not maintain our lifestyle at the expense of standards of living and stability on other continents? And if this is the case, can and should we feel responsible as individuals? And how should we then act as a consequence?

Ob in BOSCH BEACH diese Fragen beantwortet werden (können) und inwiefern sich das Konzept schlussendlich einlöst, das muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.
Ein kurzer Probenbesuch, ein Gespräch mit dem Dramaturgen vorab und ein Studieren der Pressemappe im Anschluss – das verrät nicht mehr über einen Theaterabend als ein Puzzle, bei dem man gerade mal den Rand zusammengesetzt hat. Ein Blick auf die Endprobenfotos und den Trailer ist wie das Zusammensetzen einiger Motive des Puzzlebildes…

… man bekommt eine Ahnung von den fertigen Kostümen, lauscht kurz dem kleinen Orchester, versucht das Setting einzufangen und die Bilder zu deuten. Vervollkommnet ist das Puzzle jedoch noch lange nicht. Und das wird es in diesem Fall wohl auch nicht mehr werden, denn die Möglichkeit, den Abend zu sehen, blieb mir leider versagt. Die Premiere fand im September in Brügge statt, letzte Woche gastierte die Produktion im Mousonturm in Frankfurt – zu weit weg von Berlin und zu viele Tage entfernt von der Frankfurter Buchmesse (zu deren Rahmenprogramm das Gastspiel aber gehörte), um beides miteinander zu verbinden. Disponiert sind Aufführungen in Lissabon, der Heimatstadt des Komponisten Vasco Mendonça, in Boschs Geburts- und Sterbeort ’s-Hertogenbosch und in Brüssel. Dass es weitere Termine geben wird, ist unwahrscheinlich.

Was mir bleibt, ist die Erkenntnis, dass Probenbesuche tatsächlich Lust machen können, selbst wenn (oder gerade weil) sie die Hölle auf Erden sind. 🙂


BOSCH BEACH
nach Motiven von Hieronymus Boschs Bild Die sieben Todsünden
Musik: Vasco Mendonça | Libretto: Dimitri Verhulst | Inszenierung und Bühne: Kris Verdonck | Dramaturgie: Kristof Van Baarle | Gesang: Rodrigo Ferreira (Countertenor), Damien Pass (Bariton), Marion Tassou (Sopran) | Orchester: Asko|Schönberg

//

Disclaimer

Der Besuch des LOD muziektheaters war Programmpunkt der viertägigen Presse- & Bloggerreise #Grenzverkehr – Crossover und kultureller Austausch, die vom 22. bis 26. August 2016 stattfand. Gastgeber waren der Vlaams Fonds voor de Letteren und der Nederlands Letterenfondseingeladen wurde ich dank Wibke Ladwig und Artefakt KulturkonzepteFlandern und die Niederlande sind in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die Reise bot einen umfangreichen Einblick in den flämischen und den niederländischen Buchmarkt sowie in die niederländischsprachige Literatur- und Kunstszene.

Hinweise

Die beiden hervorgehobenen Zitate stammen vom Produktionsdramaturgen Kristof van Baarle und sind der Pressemappe zu BOSCH BEACH entnommen. Die verwendeten Fotos sind von Kurt Van der Elst und entstanden am 24. August 2016, dem Tag des Probenbesuchs. Herzlichen Dank an Magalie Lagae vom LOD muziektheater für die Zusendung der Materialien.

Einen weiteren Blick auf den  Probenbesuch wirft Eva Brandecker.

Zur Bloggerreise #Grenzverkehr gibt es eine Lektüreliste, die – ohne Anspruch auf Vollständigkeit (aber darum bemüht) – die Veröffentlichungen aller Teilnehmer_innen versammelt.

//

Advertisements

3 Antworten zu “Proben und die Hölle auf Erden

  1. Pingback: Beautiful #Tweetupko | eeMBee·

  2. Pingback: Dies ist, was wir teilen – eine #Grenzverkehr-Lektüreliste |·

  3. Pingback: Bosch im Detail |·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s