SMARTOPER – Versuch einer kritischen Nachlese

von Anne Aschenbrenner //

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Foto: Martin Wenk & Florian Diehl

Im Rahmen der zweiten Ausgabe der Musiktheatertage Wien wurde mit der SMARTOPER ein besonderes Medienkunstprojekt realisiert. In drei Akte geteilt, sollte der erste Akt, von den Kulturfritzen dirigiert, im Netz stattfinden: zum Thema „Benehmen im öffentlichen Raum“ wurden Beiträge der Netzcommunitiy gesammelt. Der zweite Akt bestand im Download einer App, Thomas Desi, mttw-Directors-Hälfte, erstellte eine Partitur auf Basis des Contents, der im ersten Akt generiert wurde, programmiert von Peter Koger. Mehr dazu erfahrt Ihr auf unserem Blogbei den Kulturkonsorten oder auf orf.at. (Berichtet hat u.a. auch Ö1).

Während der erste Akt einem sehr breiten Publikum zu Verfügung stand, waren der zweite und der dritte Akt naturgemäß nur einem kleinen Teil vorbehalten. Auch deshalb möchte ich nun mit kritischem Blick das Smartphone-Experiment Revue passieren lassen.

Wie funktionierte nun die App?

Angefeuert von einer großzügigen Bildersammlungspende von Lisi Perner reduzierte sich der Content, der im ersten Akt gesammelt wurde, vor allem auf Fotos: Schilder, mehr oder weniger kuriose, wurden auf dem eingerichteten tumblr-Blog hochgeladen, auf Twitter und Instagram mit #benimmdich getaggt.

Immer wieder versuchten wir die kritischen Gedanken zum Thema zu verstärken, aus den Followern herauszulocken.

Eine richtige Debatte, wie es zum Beispiel an anderer Stelle mit #TheaterimNetz gelang, wollte jedoch nicht aufkommen.

Einen schönen Gedanken lieferten jedoch die Herbergsmütter:

Mir fallen diese Gebote und Verbote sowieso ständig auf. Zumal ich den Eindruck habe, dass sie immer weniger beachtet werden, je mehr sie sich häufen. Fühlt man sich einfach irgendwann nicht mehr angesprochen? Stumpft man ab?

fragten sie auf Facebook. Dieser Überlegung lag nun die App zugrunde. Mittels Handlungsanweisungen, wurde das Publikum durch eine, zugegeben recht einfach gestrickte Handlung*, geleitet. Jedem Zuschauer wurde vor Beginn der Vorstellung eine Rolle zugewiesen, um ein Gleichgewicht in der Rollenverteilung herzustellen. Diese Rolle konnte man dann beim Start der Vorstellung sodann auch am Smartphone auswählen.

*um die Geschichte noch einmal zu verkürzen: alle haben ein Smartphone, einer (Schauspieler) nicht, das Publikum entscheidet ihn zu dissen, oder nicht, es gibt ein Duell, ein Duett, am Ende alles gut.

Die Handlungsanweisungen die man als Zuschauer bekam, entsprachen der Machart der Schilder, die im ersten Akt gesammelt wurden. Manche kamen als Schild, manche über Text, manche waren verständlicher, manche weniger, manche schienen für die Handlung nachvollziehbar (Such die Person ohne Smartphone!), andere wieder weniger („Leg dich auf den Boden“).

Wie funktionierte nun diese Art Oper?

Die  Geräusche, die das Smartphone machte, oder die man aktiv über die App machen konnte, lieferten Ton, machten Musik, unterstützt von den menschlichen Stimmen – Geräuschen zu denen das Publikum – je nach Rolle – via App aufgefordert wurde. Das Display sorgte, in Kombination mit den Scheinwerfern des Theatersaals im Werk X (wo die Vorstellungen stattfanden), für die Lichteffekte – ein wenig gruselig, das mitunter auch die Taschenlampe des Handy „von allein“ anging.

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Foto: Martin Wenk & Florian Diehl

Im Publikum als Kollektiv, wie auch im einzelnen Zuschauer, entstand so allmählich eine gewisse Dynamik. Wie weit ist man bereit, solchen Handlungsanweisungen auch Folge zu leisten? Diese Grenzen, die so ausgelotet wurden, beschreibt Holger Kurtz in seinem Beitrag „Wie es dazu kam, dass ich auf der Bühne stand und bellte“ ganz gut.

Insgesamt gab es zwei Aufführungen – den Anmeldezahlen gemäß hätte man durchaus noch zwei weitere Vorstellungen voll bekommen – die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während sich in der ersten (das ist jene Vorstellung, die Holger besuchte) rasch eine Dynamik entwickelte, die die Hemmschwellen des Einzelnen und seine Angst sich zum Affen zu  machen, niedrig hielt – ergo das Stück gut funktionierte – kam die zweite Vorstellung nicht so richtig in Schwung. Hier nämlich kaperte eine Zuschauerin das Stück, holte vermeintliche Requisiten aus ihrer Handtasche, die sie im Publikum verteilte und einzelnen Personen Aufgaben stellte. Das nun passte zur ursprünglichen Geschichte nur bedingt – dass die Intervention aber keine geplante war, war jedoch nur für das Musiktheatertage-Team offensichtlich. Interessant jedoch zu sehen, wie die Bereitschaft, Anweisungen auf dem Handy zu folgen nachlässt, wenn eine reale Person plötzlich die Führung übernimmt.

Ob das Projekt nun geglückt ist?

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Foto: Martin Wenk & Florien Diehl

Nun, gelungen oder nicht, hängt, zumindest aus meiner Perspektive, von den Erwartungen ab. Für mich war die Zusammenarbeit mit Thomas Desi und Peter Koger eine gute, wo jeder, gemäß seinen Aufgaben, schlussendlich dazu beigetragen hat, dass sich ein Tumblr-Blog und zwei Vorstellungen füllten, dass es einen roten Faden gab, der durch das Projekt führte. Einige der TeilnehmerInnen aus der ersten Vorstellung kamen übrigens bei der zweiten Vorstellung mit Kind und Kegel. Diese Art Oper eignete sich, obwohl gar nicht so konzipiert, auch für sehr junges Publikum und es ließe sich da mediendidaktisch und theaterpädagogisch wohl noch einiges nachschießen. Im Kontext des Festivalmotto gedacht – eine Art Weltflucht – war ein Smartphone-Projekt, so finde ich, auch ein schöner Beitrag zu Musiktheatertage Wien 2016.

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Eine Antwort zu “SMARTOPER – Versuch einer kritischen Nachlese

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