30 Jahre Kultur im Ernst-Thälmann-Park – Eine Art Liebeserklärung

Seit 2010 arbeite ich mit meinem Theaterkollektiv PortFolio Inc. regelmäßig am Theater unterm Dach. Zum dreißigjährigen Bestehen des Theaters im April 2016 realisieren wir ein Projekt, das ich als Kulturfritze in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #ETP30 begleiten werde.
Den Anfang mache ich hier. Mit einer Art Liebeserklärung an die kleinste kommunale Spielstätte Berlins. //

Dreißig Jahre existiert es nun schon, das Kulturareal am Ernst-Thälmann-Park, im und um das alte Backsteingebäude herum, das einst das Verwaltungsgebäude der IV. Städtischen Gasanstalt war: Ein Klinkerbau mit markanten Holzbalkonen und einer im Dachgiebel eingefassten Uhr, umrahmt von Bäumen, wild wachsenden Sträuchern und Ranken.

Erst Anfang der 80er Jahre hat die Gasanstalt, eine von 33 in Berlin, nach etwas mehr als einhundert Jahren ihren Betrieb einstellen müssen – zu hoch waren die gesundheitliche Belastung und die olfaktorische Belästigung im dicht besiedelten Prenzlauer Berg. 1984 sind die zwei an der Prenzlauer Allee gelegenen imposanten Gasometer – bis dato die architektonischen Wahrzeichen des ehemaligen Arbeiterbezirks – Bürgerprotesten, alternativen Nutzungsvorschlägen und Denkmalschutz zum Trotz gesprengt worden. Die alten Kolosse mit ihren anderthalb Meter dicken Klinkermauern und einer kunstvoll gebauten Stahlkuppel – ein jedes schöner, größer und massiger als das in Schöneberg, aus dem Günther Jauch bis vor kurzem sonntäglich heraustalkte – mussten dem Ernst-Thälmann-Park weichen, einem städtebaulichen Prestigeobjekt der DDR-Regierung zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahre 1987. Auf dem ehemaligen Betriebsgelände entstanden mehr als 1.300 Hochhauswohnungen, eine Schule, eine Schwimmhalle, sogar ein Planetarium wurde gebaut. Darüber hinaus ist für jeden Bewohner ein Baum gepflanzt worden, es wurden Grün- und Gartenflächen sowie ein künstlicher Teich angelegt. Und so entstand in dem „bewohnten Park“ neben Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischen Einrichtungen auch das Kulturareal für die neuen Bewohner: Das ehemalige Verwaltungsgebäude wurde saniert und zum Kulturhaus umfunktioniert. In der zweiten Etage des Gebäudes, in der einstigen Direktorenwohnung, fand das Theater unterm Dach, kurz TuD, seinen Platz, auf dem Gelände dahinter entstand mit der WABE eine in Form eines Oktogons angelegte Veranstaltungsstätte.

Das ist doch eigentlich ein wunderbarer Gedanke: Wer Wohnraum braucht, braucht neben Luft und Park auch Kultur. Das Konzept ging in diesem Sinne nicht auf. Dass sowohl das Theater unterm Dach als auch die WABE im April diesen Jahres ihr 30-jähriges Bestehen feiern können, haben sie nicht den Menschen zu verdanken, für die sie einst eingerichtet wurden, denn die 4.000 Bewohner des Ernst-Thälmann-Parks nutzten das vor ihrer Haustür liegende Kulturangebot nicht, und daran hat sich – so der allgemeine Tenor – bis heute wohl nichts geändert.

Trotz alledem entwickelten sich die beiden Veranstaltungsorte, auch über die Wende hinaus, zu wichtigen überregional wahrgenommenen Spielstätten. Während die WABE vor allem im Konzertbereich und mit Kabarett-Gastspielen jährlich ein sehr heterogenes Publikum anzieht – die Künstlerliste reicht von Jazzgrößen wie Uschi Brüning bis hin zu Wir sind Helden oder Rosenstolz, die hier Anfang der 90er Jahre ihre ersten größeren Auftritte absolvierten –, zog das TuD über die Jahre ein treues Stammpublikum (her)an, das vorrangig aus den Ostbezirken, mehr und mehr jedoch auch aus ganz Berlin kommt.

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Die roten Banner mit den Inszenierungstiteln sind seit mehr als zehn Jahren Markenzeichen des Theaters unterm Dach.

Mit mindestens zwölf Neuproduktionen im Jahr, die großteils mehrere Jahre im Spielplan sind, präsentiert das TuD in abwechslungsreicher Repertoirebespielung Projekte freier Gruppen, die am Haus oder in Koproduktion mit anderen wichtigen Spielstätten des deutschsprachigen Raums, wie dem LOFFT.Leipzig, dem LOT Braunschweig oder dem FFT Düsseldorf, entstanden sind. Zahlreiche Festivaleinladungen und Preise zeugen von der qualitätsvollen, kontinuierlichen Arbeit, die seit Anbeginn von hoher künstlerischer Professionalität bestimmt ist. Und allen Abgesängen zum Trotz funktioniert das ehrliche Bekenntnis zum Sprechtheater, dem sich das TuD verschrieben hat. Ernsthaft, diskursiv und anspruchsvoll sind die Stückentwicklungen, Uraufführungen und Klassikeradaptionen, die den Schwerpunkt des Programms bilden. Hierbei sind sie vielleicht weniger cool, performativ und genresprengend als die Produktionen des ebenfalls im Stadtteil angesiedelten Ballhaus Ost, doch vermutlich finden in keiner anderen Spielstätte Berlins nach den Vorstellungen so rege und intensive Gespräche zu dem eben Gesehenen statt, wie auf dem Balkon und im locker bestuhlten Foyer des TuD. „Wer keine Lust zu denken hat, verirrt sich nicht hierher“, erzählte mir eine Zuschauerin: „Die Inhalte der Stücke werden zum Gesprächsthema. Nicht bildungsbürgerliche Nabelschau, sondern eine ebenso ernste wie lustvolle Auseinandersetzung prägen die Begegnungen zwischen Zuschauern und Kulturschaffenden.“ Und genau darin bestehe der große Unterschied zwischen dem häufig gestelzten Nachpremierengeplänkel in großen Häusern, das sich in der Regel weniger mit den Anliegen und der gesellschaftlichen Relevanz der Stücke befasse, sondern eher den eigenen Kulturkonsum als gesellschaftlichen Status herausstelle. Ein anderer langjähriger Zuschauer, den ich befragte, hat einen ähnlichen Eindruck vom TuD gewonnen, das für ihn das sympathischste und seriöseste der kleineren Theater in Berlin ist: „Ich liebe das kleine Haus, mit seiner unmittelbaren und intimen Atmosphäre, die obendrein gastfreundlich und nicht elitär versaut ist.“ Das TuD verriete nicht seinen Standpunkt auf dem Prenzlauer Berg, weil es ein Theater mit Standpunkt sei, da es sich mutig eben nicht scheue, wichtige Themen zur Diskussion zu stellen, die auch gerade nicht ‚angesagt‘ seien: „Es orientiert sich auf erfreuliche Weise nicht an Trends, namedropping und modischem Konformismus, sondern setzt auf eine inhaltlich-ästhetische Ernsthaftigkeit und Gaudi, die beliebigem Dilettantismus nicht offen steht. Das Theater gibt ebenso gestandenen Theaterkünstlern wie jungen Begabungen eine Chance – immer auf der Suche nach solchen, die etwas zu sagen, zu spielen haben, das die Leute angeht.“ Die Berliner Morgenpost bezeichnete das Haus mit seiner Platzkapazität von bis zu 80 Sitzen als „Talentschuppen“, und auch die Leiterin Liesel Dechant, die seit Anbeginn im Kulturareal arbeitet und nun seit mittlerweile zwanzig Jahren das Theater leitet, bezeichnet die Nachwuchsförderung als „konstituierendes Moment“ ihrer Arbeit. Sie wolle „jungen Regisseuren eine Startmöglichkeit im Moloch Berlin geben“, was von der Öffentlichkeit – sowohl in der Fachwelt als auch beim ’normalen‘ Theatergänger – mit großer Resonanz und Wertschätzung begleitet würde. Eine Arbeit, die in den Spielplänen großer Häuser zu sehen ist: Zahlreiche heute landesweit renommierte Regisseure wie Jo Fabian, Sebastian Hartmann oder Jan Jochymski, aber auch die Regisseurinnen Amina Gusner, Anja Gronau oder Mareike Mikat stellten sich hier mit ihren ersten Arbeiten der Öffentlichkeit vor, sogar die junge Corinna Harfouch spielte einst hier. Sie ist auch eine der ersten Unterzeichnerinnen des Aktionsbündnisses Berliner Künstler, das sich gegen die seit Jahren drohende Schließung des Areals an der Danziger Straße 101 einsetzt.

Der Gebäudekomplex beherbergt heute die größte kommunale Kultureinrichtung des Bezirks Pankow, zu dem der Prenzlauer Berg seit der Bezirksfusionen im Jahr 2000 gehört. In Zeiten, in denen Geld immer knapper wird und Haushaltsperren verhängt werden, stehen Kunst und Kultur bekanntlich stets oben auf der Liste der Sparmaßnahmen, da es – im Sinne der Daseinsvorsorge und im Gegensatz zu anderen Haushaltsausgaben – keine gesetzliche Verpflichtung gibt, kulturelle Leistungen anzubieten. Nach jeder Kommunalwahl droht – wie zuletzt 2012 – die Abwicklung des Kulturareals, zu dem neben Theater und WABE noch eine Galerie, eine Jugendtheateretage sowie einige Kunstwerkstätten gehören.

Mit nicht ganz sorgenfreiem Blick werden alle zusammen am ersten Aprilwochenende den dreißigsten Geburtstag feiern, und wir (also ich und ihr, hoffe ich) feiern in den sozialen Netzwerken kräftig mit. Die Recherchen haben bereits begonnen, die Ideen werden gerade ausgebrütet. Sobald etwas spruchreif ist, also ganz bald, gebe ich bescheid. Den Hashtag #ETP30 könnt Ihr Euch auf jeden Fall schonmal merken.

// (ml)

Zur Information:
Sämtliche Fotos dieses Blogposts sind von Marc Lippuner aufgenommen worden. Mit einem Klick auf die Fotos bekommt man eine vergrößerte Ansicht. Das könnte u.U. ganz hilfreich sein.
Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet werden.

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