Virtuelles Theater und Theater der Virtualität. Über das Schauspiel 2.0.

Ein Gastbeitrag von Thomas Neubner //
Ein Beitrag zur Blogparade #TheaterimNetz.

Während das Schauspiel in der klassischen Inszenierung, wie schon Erving Goffman über die Theatermetapher konstatiert, für den einzelnen Akteur immer zugleich auch definierte Rollen vorsieht, innerhalb derer er sich sowohl in seinem Alltag als auch auf der Bühne einer Darstellung unterzieht, weiten sich seine Handlungsoptionen durch die Hinwendung zu virtuellen Räumen stetig aus. Entkoppelt von klassischen face-to-face Interaktionen, die im Theater das monologische (Schau-)Spiel mit dem Publikum erst ermöglichen und genuin dem Regelapparat einer Dramaturgie unterliegen, besteht im Internet die Möglichkeit, entkoppelt von gemeinsamen Wahrnehmungsräumen einen Darsteller zu kreieren, dessen Charakter-Code mit der realen Person nicht zwangsläufig kongruent sein muss; ja mehr noch: Im Schutze der Anonymität und hinter einem Pseudonym verborgen kann der Akteur sich frei bewegen, Geschlecht und Alter nach Belieben wechseln, gar sich selbst zur Ikone stilisieren, ohne soziale Sanktionen befürchten zu müssen. Die virtuelle Bühne des Cyberspace erlaubt das, was das Theater durch Rollenbilder zumindest partiell eingrenzt: Die Kreativität einer absoluten Rollenpoesie. Virtuelle Manifestationen von Charakterfiguren scheinen zunächst einmal nicht zwangsläufig von einer Rollenpolitik im Schauspielhaus zu divergieren, ist doch der Darsteller auch hier dazu angehalten, sich entlang einer Dramaturgie zu bewegen, wenngleich auch nur innerhalb eines definierten Zeitrahmens und ausschließlich unter jenen Prämissen, die der Inszenierung positiv zuträglich sind.

Wer sich als Schauspieler einer virtuellen Inszenierung verschreibt, zeigt sich nicht allein medienkompetent im Hinblick auf die Nutzung Sozialer Netzwerke. Er weiß vielmehr auch um die identitätspoetische Perspektive, die mit diesen einher geht und erweitert seine Darstellung über die realweltliche Bühne hinaus, um Aufmerksamkeit nicht ausschließlich für seine Charakterrolle, sondern primär seine reale Person, seinen Markennamen als Schauspieler, zu akkumulieren. Im Theater tritt er förmlich diskret hinter seine Rolle zurück: Sein prominenter Name erscheint wohl als Garant für eine qualitativ hochwertige Inszenierung im Vorfeld, im Kern geht es ihm auf der Bühne jedoch um die Darstellung eines fiktiven Charakters. Diese Figur ist bereits durch die literarische Vorlage mit Poesie aufgeladen, innerhalb derer er über seine physische Präsenz hinaus eine mediale Position einnimmt und indem er der Immaterialität einer Idee stets auch einen Körper verleiht, durch den das Imaginäre in den Raum des Theaters auf das Publikum transzendiert. Sein Anspruch an eine Akkumulation von Aufmerksamkeit wird sich dabei – insofern er für die Rolle »aufrichtig darstellend« lebt – eng an die Deskription eines fiktiven Charaktermodells halten, dessen mediale Repräsentation er über eine Form der Physis erst ermöglicht. In der Theaterinszenierung zeigt sich sein Bestreben darin, sich gänzlich dem literarischen Charakter unterzuordnen, bis das Publikum in Vergessenheit gerät und vice versa sich auch das Publikum nicht mehr der realen Persona erinnert. Der Schauspieler erscheint unter dieser Prämisse als vor der Inszenierung entkoppelt und lebt erst in ihrem Vorfeld oder Nachgang als Person des öffentlichen Lebens auf, indem Kritiker über ihn und die Qualität der Aufführung publizieren. Das Theater schafft damit einen inszenatorischen Effekt der Doppelidentität, der Schauspieler und darzustellende Rolle gleichermaßen eingeschrieben sind.

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Foto (c) Zenaida Suljević

Mit der Hinwendung zum virtuellen Raum des Internets erweitert sich auch der Raum der Inszenierung. Es scheint, nicht zuletzt durch die einschlägige Medienberichterstattung zu Privatsphärenschutz in Sozialen Netzwerken vermehrt in den letzten Jahren, als sei der virtuelle Raum des Cyberspace eine große Bühne, auf der sich ein von der realweltlichen Inszenierung divergierendes Schauspiel vollzieht, dessen Akteure erstmals ihre Rollenbilder selbst definieren. Einer solchen Form der Inszenierung bedarf es keiner literarischen Vorlage und das Ensemble reduziert sich auf eine einzelne Person, die ihre eigene Bühne entwirft: Die Fanseite im Sozialen Netzwerk als jener virtueller Ort, auf dem sich die Darstellung nicht nach festgelegten Regeln vollzieht, sondern sich über Kommentarfunktionen und Teilungsoptionen dialogisch gestaltet. Form und Funktion divergieren hier von jenen der realweltlichen Bühne: Im Kontrast zur fiktiven Charakterrolle, die sich durch die Physis des Schauspielers erst in realita transzendiert, liegt im virtuellen Feld das Bestreben in der Akkumulation von Aufmerksamkeit für den Schauspieler selbst. Er spricht von sich, er teilt sich mit: Textbeiträge ebenso wie visuelle Kommunikate in Form von Fotos und Videostreams werden zu Trägern seiner virtuellen Identitätspoesie. Aufmerksamkeit erscheint in dieser Szenerie als ein immaterielles Kapital, dessen akkumulierte Größe sich über die Anzahl an Likes, Klicks und Kommentaren derer beziffern lässt, die aktiv »darüber sprechen«. Damit die prominente Inszenierung von Schauspielern in Sozialen Netzwerken gelingt, bedarf es der Einhaltung einiger Regeln, die eine erfolgreiche PR-Kommunikation garantieren:

1. Rollen trennen

Schauspiel lebt vom Wandel der Rollen und stellt an die gleiche Person eine Reihe divergierender physischer und psychischer Anforderungen. Der Schauspieler sollte die virtuelle Fanseite dazu nutzen, strikt zwischen realer Person und fiktiven Rollenbildern zu trennen – und nicht ausschließlich im Rahmen der jeweils aktuellen Rolle agieren.nformationen zu aktuellen Aufführungen sollten vorgestellt und beworben, jedoch nicht zu werbelastig erscheinen, denn Sympathie speist sich hier vor allem aus kommunikativem Understatement und eben nicht einer Forcierung von (Netz-)Prominenz rein über die Darstellung der eigenen Leistung.

2. Identifikation schaffen

Sympathie für Prominenz entwickelt sich insbesondere im Schauspiel über Identifikation und Empathie. Daher ist der Schauspieler dazu angehalten, möglichst rollenfern zu agieren und persönliche Einblicke seiner eigenen Person zu gewähren – etwa durch private Fotos, Videos aus dem Alltag und Reaktionen auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse. Nirgendwo generiert sich ein Image derzeit – positiv wie negativ geartet – so rasant und nachhaltig, wie über die Sozialen Medien. Um als eigenständige Person ernst genommen zu werden, muss aus der virtuellen Inszenierung deutlich hervor gehen, wo die Grenze zwischen Beruf, Rollenbild und Identität liegt.

3. Reaktionen zeigen

Abonnenten einer Fanseite bekunden nicht nur ihre Sympathie. Sie wünschen sich in der Regel auch eine prominente Aura, an der sie durch Kommentare und Like-Reaktionen partizipieren: Wer sich aktiv auf einer Seite zeigt – eventuell sogar eine Reaktion des Seiteninhabers erhält – fühlt sich ernst genommen und als ein »Teil der Inszenierung«, was positive Effekte auf das Image ausstrahlt und die Reputation nachhaltig stärkt. Die Akkumulation von Aufmerksamkeit wie auch das Konglomerat aus virtuellen Reaktionen bilden mediales Kapital aus: Eine zunächst rein immaterielle Form der Währung, die sich erst durch Engagements an Schauspielhäusern zurück in die Materialität transformiert.

// Mülheim an der Ruhr, den 26.01.2016

Über den Autor

 

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Foto (c) Zenaida Suljević

Thomas Neubner – Kommunikationswissenschaftler, Germanist und Autor – ist Experte für Medien und Prominenz der Populärkultur. In seinem aktuellen Fachbuch PROMINENZ 2.0 – ÜBER MEDIALES KAPITAL UND VIRTUELLE INSZENIERUNG zeichnet er die Medienevolution des Prominenten ausgehend vom Rundfunk über das Fernsehen hin zu einer Internetkultur nach, in der Aufmerksamkeit zu einer neuen Form der Währung wird. Sein Konzept des »medialen Kapitals« begründet eine neuartige Sicht auf populärkulturelle Phänomene und lässt sich sowohl theoretisch auf die Analyse und Bewertung medialer Inszenierungen als auch praktisch auf die nachhaltige Beratung von Personen des öffentlichen Lebens aus den Segmenten Medien, Politik und Wirtschaft anwenden. »Thomas Neubner verdeutlicht mit seiner Arbeit, dass das Internet jedem die Möglichkeit bietet, die Schaffung von Prominenz selbst in der Hand zu haben« (Jo Reichertz)

 

Fotos (c) Zenaida Suljević 

 

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