Alles außer hetero

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Birgit Bosold und Detlef Weitz, die zusammen mit Dorothée Brill die Ausstellung konzipierten.

Das Deutsche Historische Museum (DHM) und das Schwule Museum* luden zu einer exklusiven Blogger_innen-Führung durch die vielbesprochene HOMOSEXUALITÄT_EN-Ausstellung. Mit Dr. Birgit Bosold und Detlef Weitz führten zwei der drei Kurator_innen durch die umfassende und beachtenswerte Sonderschau, die noch bis 1. Dezember 2015 zu sehen ist. //

Besucht man die Dauerausstellung des DHM, bekommt man deutsche Geschichte so präsentiert, wie deutsche (und nicht nur deutsche) Geschichte seit Jahrhunderten präsentiert wird: als Männergeschichte: HERRschaftlich, patriarchal, phallozentrisch. Zwischen all den Rüstungen, Herrscherportraits und technischen Errungenschaften finden sich natürlich auch Frauen – sie werden stets aber – so zumindest der Eindruck – „nur“ als Gemahlinnen, Schwestern, Mätressen, Mütter oder Töchter vorgestellt. Hier wird, wie in vermutlich allen historischen Museen, das reproduziert, was die Geschichtswissenschaften immer wieder festschreiben.

Umso erfreulicher ist es, dass sich ausgerechnet hier im DHM eine Ausstellung findet, die versucht, Geschichte völlig anders zu erzählen. Genderneutral nämlich – soweit die deutsche (und nicht nur die deutsche) Sprache das überhaupt zulässt.

Die Sonderschau HOMOSEXUALITÄT_EN beleuchtet gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen seit der „Erfindung“ der Homosexualität vor etwa 150 Jahren. Im Ankündigungstext heißt es:

„Sie legt dar, wie gleichgeschlechtliche Sexualität und nonkonforme Geschlechtsidentitäten von der Gesetzgebung kriminalisiert, von der Medizin pathologisiert und ausgegrenzt wurden. Sie zeigt die rechtliche Entwicklung des Paragraphen 175 des Deutsches Strafgesetzbuches auf, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, von seinem Inkraftreten im Jahr 1872, über die massive Verschärfung während der NS-Zeit und seine Beibehaltung bis zur endgültigen Abschaffung 1994. Neben den gesellschaftlichen Repressionen widmet sich die Ausstellung auch der Lesben- und der Schwulenbewegung, die insbesondere seit der gesetzlichen Liberalisierung seit den 1960er Jahren an Dynamik gewannen und das gesellschaftliche Verständnis von geschlechtlicher Identität verändert haben.“

Die beschriebene gesellschaftliche Ausgrenzung widerspiegelt sich in den Museen und der Forschung. 1984, also vor mehr als 30 Jahren, fand mit ELDORADO im Berlin Museum (das Gebäude ist heute Teil des Jüdischen Museums) die letzte umfassende Ausstellung zur Geschichte von Lesben und Schwulen in einem „offiziellen“ deutschen Museum statt, an den Universitäten wird die Forschung zur Geschichte der Homosexualität marginalisiert, die einschlägigen Archive sind kaum systematisch untersucht. Bosols und Weitz bekräftigen, dass Museen Räume sind, in denen es um Sichtbarkeit und Deutungsmacht geht: Geschichte, die in Museen präsentiert wird, sei „ein Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse […|, die mit dieser Ausstellung nicht abgeschlossen, sondern befördert werden sollen.“

Initiiert wurde die Ausstellung vom Schwulen Museum*, das seit einigen Jahren mit einem Sternchen hinter dem Namen visualisiert, dass es neben Konzepten männlicher Homosexualität auch lesbischen, trans*identischen, bisexuellen und queeren Themen in Geschichte, Kunst und Kultur Raum geben möchte. So oft, wie das Sternchen in Berichterstattungen jedoch vergessen wird, stellt sich Frage, ob die Markierung (*) der Marke (Schwules Museum) die vorhandene Vielfalt bislang sichtbar und deutungsmächtig kommunizieren konnte.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ausstellungstitel: Was dem Schwulen Museum* das Sternchen, ist den HOMOSEXUALITÄT_EN der Unterstrich. Homo- schränkt ein, der Unterstrich erweitert zugleich, zumindest verstehe ich das so. Abgegrenzt wird lediglich gegen eines: die heteronormative Perspektive, die trotz ihrer Abwesenheit zwangsläufig immer wieder mitgedacht wird: als tradierter Spiegel des Nichtandersseins.

IMG_3883Wie der Titel irritiert und polarisiert auch das Plakat, das vielleicht gerade deshalb ein Geniestreich ist. Die Person auf dem Foto entzieht sich jedem Versuch einer Kategorisierung: der gestählte Körper, aber Brüste (und diese gepierct), der prallgefüllte Jockstrap, die Hipsterfrisur, die übergroß geschminkten knallroten Lippen. Wer (nicht Was!) ist das? Die Antwort findet sich in der Ausstellung: Zu sehen ist der transsexuelle Performance-Künstler Heather Cassils („I prefer he but I’m okay with she. I prefer to be called Cassils but don’t mind if people call me Heather.“). Cassils hat in einer 23-wöchigen Performance durch Bodybuilding, gezielte Ernährung sowie die Einnahme von Steroiden 23 Kilo Muskelmasse zugenommen und seinen weiblichen Körper dem Idealbild eines muskelschweren männlichen Körpers weitmöglichst angenähert.

Cassils Portrait taugt somit unbedingt zum Schlüsselbild einer Ausstellung, die das Schubladendenken über Frauen und Männer, aber auch über Homo- und Heterosexualität offensiv in Frage stellt.

In Frage gestellt wird auch das klassische Konzept der chronologischen Aufbereitung historischer Ausstellungen (was im Übrigen – so mein Eindruck – ein Auslaufmodell zu sein scheint). Bewusst verweigern sich die Kurator_innen dieser autoritären Geste, die die Besucher_innen bevormundet, in dem sie Zusammenhänge behauptet und damit eine Interpretation von Geschichte liefert, die immer nur eine von vielen Wahrheiten sein kann. Aufbereitet ist die Ausstellung nach thematischen Schwerpunkten, die genug Spielraum für eigene Interpretationen, Spekulationen und Wahrheiten lässt.

Im DHM beginnt die Ausstellung sehr persönlich und wendet sich zunehmend öffentlichen Bereichen zu. In der unteren Ausstellungsetage sind Coming-Out-Geschichten, Portraits von Künstlerinnen, die sich dem herrschenden Frauenbild ihrer Zeit verweigerten, und mehr als einhundert Fotos aus der Sammlung Sternweiler zu sehen; darüber hinaus ein Depot wilden Wissens, das, alphabetisch sortiert, Archivbestände präsentiert, die schlaglichtartig die Geschichte der Homosexualität_en beleuchtet.

Eine Wendeltreppe höher wird es böse. In der schmalen Abteilung Schimpf und Schande, durch die man als Besucher_in durch muss (der man sich also aussetzen MUSS, großartige Idee!), wird man mit aktuellen homophoben Zitaten religiöser Repräsentanten und Leitfiguren unserer Gesellschaft – also Politiker_innen, Popstars, Fußballern – konfrontiert. In dem aggressiv-roten Gang stellt sich umgehend ein beklemmendes Gefühl ein. In das unablässige Gemurmel aus den schwarzen Boxen mischt sich ab und an aus der Ferne ein erschöpftes Stöhnen. Die Klangspur ist Teil einer Installation von Cassils, die aufzeigt, dass die Geschichte der Homosexualität_en, wie vielleicht jede nicht-konforme Geschichte, eine Geschichte von Gewalt, Formung, Performen ist. In einer Gesellschaft, die auf Zweigeschlechtlichkeit ausgerichtet sei, müsse man sich immer irgendwie definieren und einorden, eine Verweigerung sei kaum möglich, so Birgit Bosold. Dementsprechend ernüchternd auch die restlichen Ausstellungskapitel: Vor Gericht beleuchtet – vielleicht ein bisschen zu knapp – die Verfolgung nichtheterosexueller Menschen weltweit, der Kabinettraum Im rosa Winkel verweist auf die unzureichend aufgearbeitete Homosexuellenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Bis heute hat sich die Bundesregierung zu diesem Thema übrigens nicht adäquat geäußert.

In einer Ausstellung über Homosexualität_en darf Magnus Hirschfeld, die vielleicht bekannteste Figur der ersten Homosexuellen-Bewegung, natürlich nicht fehlen. In der sehr textlastigen vorletzten Abteilung der Ausstellung wird deutlich, dass Homosexualität ein Konstrukt der Moderne ist: Nicht die Tatsache, aber das Konzept, die Definition, die Stigmatisierung. (Mehr zu diesem Thema – dies als Randnotiz – bietet Robert Beachys im Juni auf deutsch erchienene Abhandlung Das andere Berlin – Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867 – 1933. Ich lese es gerade und begreife viel!)
Der letzte Teil der Ausstellung spielt mit Klischees: Zigarettenspitzen, Regenbohnenfahnen, Dykes on Bikes, Jean-Paul-Gaultier-Matrosen, faggy gestures, #putinmyass.

Der wild gestaltete Abschlussraum stellt die Brücke zum zweiten Teil der Ausstellung dar, der im Schwulen Museum* präsentiert wird und sich mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen beschäftigt. Dort ist Andy Warhol mit zwei schlichten, sinnlichen Schwarz-Weiß-Filmen präsent, Stefan Thiel stellt Bezüge zwischen Facebook und den Freundschaftsscherenschnitten des 19. Jahrhunderts her, es gibt eine nahezu unsichtbare Installation des Kollektivs General Idea, eine Gogo-Dance-Plattform von Sturtevant und neben vielen anderen Exponaten den fabelhaften opulenten Kurzfilm Deep Gold von Julian Rosefeldt (zu sehen auch hier, aber auf Großleinwand ein Ereignis).

Mittendrin – zwischen all den Installationen und Objekten ist What Next positioniert, ein mit dieser Ausstellung begonnenes fortlaufendes Interviewprojekt, in dem Aktivist_innen der queeren Szene Berlins – so der Text an der Wand – „über das Politische im Persönlichen, über Beziehungen, Familien und Wahlverwandtschaften, über die Spannung zwischen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortungsgemeinschaft, über die Gegenwart und die Zukunft des Lebens, Liebens und Arbeitens jenseits der zweigeschlechtlichen, heterosexuellen Norm“ sprechen. Das Museum solle und müsse, meint Birgit Bosold, ein Ort der Community werden. Ein Ort der Kommunikation sollte er sowieso sein, nicht nur hier, sondern grundsätzlich.

Es ist problemlos möglich, nur einen der beiden Ausstellungsorte zu besuchen, hier wie dort sind die Präsentationen in sich abgeschlossen. Aber nur in der Kombination ergibt sich ein umfassendes und tiefgründiges Bild von Geschichte und Kultur jenseits, aber aufgrund heteronormativer Denkmuster. Dass das nicht nur für Homo-, Trans- und Sternchen-Sexuelle interessant ist, zeigt Juliane Wünsche in ihrem Blogpost zur Ausstellung, das zeigen aber auch die hohen Besucherzahlen: An die 70.000 Besucher_innen waren schon im DHM, ein Zehntel nur im Schwulen Museum* (die anderen neun Zehntel könnten das ja noch nachholen, es lohnt in jedem Fall).

Queere Hymnen

Durch den Ausstellungsteil im Schwulen Museum* kann man übrigens mit Kopfhörern laufen und sich von queeren Hymnen beschallen lassen. Eine davon beschreibt vielleicht besser als jede andere die Kernaussage der HOMOSEXUALITÄT_EN-Ausstellung, den Grund, sie zu machen und die Forderungen an Gesellschaft und Forschung, die damit verknüpft sind: Sei, wie Du bist. Bleib einzigartig. Bleib anders. Kein Grund für Lobpreis, kein Grund für Mitleid. Du bist, was Du bist: Und Du hast es nicht nötig, Dich dafür zu entschuldigen.
PunktSternchenUnterstrich. Das letzte Wort hat hier und jetzt Shirley Bassey.

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Wer das Tweetup nachverfolgen und vor allem noch weitaus mehr Fotos sehen möchte, dem sei das Storify des DHM empfohlen.

Auch Larissa von phenomenelle war beim Tweetup dabei. Ihren Beitrag findet Ihr hier.

Alle Infos zur Ausstellung (Adressen, Öffnungszeiten, Eintrittspreise etc.) sind hier verzeichnet.

// (ml)

Zur Information:
Sämtliche Fotos dieses Blogposts sind von Marc Lippuner am 22. September 2015 aufgenommen worden. Mit einem Klick auf die Fotos bekommt man eine vergrößerte Ansicht. Das könnte u.U. ganz hilfreich sein.
Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet werden.

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2 Antworten zu “Alles außer hetero

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