Geschichte(n) in Schubladen

Das Deutsche Historische Museum (DHM)  lud vor ein paar Tagen zu einem exklusiven Rundgang durch sein Depot und ausgewählte Restaurierungswerkstätten. Die Führung wurde unter interessierten Käufer_innen von Onlinetickets für die Lange Nacht der Museen verlost, zusätzlich bekam eine Handvoll Kulturblogger_innen die Möglichkeit der Teilnahme. So auch ich! // 

Dass ein Museum wie das DHM, das auf seiner Ausstellungsfläche im Zeughaus Unter den Linden die deutsche Geschichte lediglich exemplarisch nachzeichnet, ein oder mehrere Depots haben muss, in denen ein riesiger Fundus an nichtausgestellten Dokumenten und Gegenständen schlummert, wird sich wohl jede_r denken können.
Alltagsgegenstände wie Möbel und Geschirr lagern weit draußen in Spandau (eine riesige Halle muss das sein, die die sperrigen Güter beherbergt); Dokumente in Millionenzahl hingegen, die sogenannten Flachwaren, sind nur 600 Meter vom Museum entfernt untergebracht, in einer ehemaligen Kaserne in der Geschwister-Scholl-Straße, die seit April 2004 neben dem Dokumentendepot nicht nur die Plakat-, Grafik- und Münzsammlungen beherbergt, sondern auch die Restaurierungswerkstätten und das Hausarchiv.

Angesichts der weit über 30°C Außentemperatur, die Berlin in den letzten Tagen zu schaffen machten, ist es angenehm kühl im Gebäude. Auf einem der zahllosen Planschränke im Dokumentendepot II notiert ein Thermo-Hygrograph unablässig Temperaturschwankungen und verzeichnet die aktuelle Luftfeuchtigkeit, denn Papier ist sensibel: Zeitungen, Flugschriften, Amtsblätter, Litfasssäulenanschläge oder Postwurfsendungen sind nicht für die Ewigkeit gemacht – massenweise gedruckt auf minderwertigen Papier liefern sie preiswert aktuelle Informationen, kaum einer denkt bei der Herstellung an eine mögliche museale Nachnutzung.

Im Dokumentendepot lagern zahlreiche Druckerzeugnisse, noch lange sind nicht alle vermessen, begutachtet und inventarisiert. Täglich kommen neue hinzu, Ankäufe oder Schenkungen, und jedes Mal steht die Frage im Raum: Was annehmen, was ablehnen?

IMG_3620Auf Vollständigkeit kann nicht gesammelt werden, mit Aktualitätsbezug schon: „Heute sammeln für morgen“, lautet die Devise mit Blick auf die Umschlagseiten nationaler und internationaler Zeitschriften. Europafragen, Deutsche Einheit, Hitler & Stalin, Gendertrouble: ein passender Spiegel-Titel lässt sich für fast jede Sonderausstellung finden. Die Innenseiten werden aus Platzgründen entsorgt: Ein paar Inlay-Dummys genügen, um – verschieden ummantelt – in zahlreichen Vitrinenpräsentationen jahrelang die Illusion von Vollständigkeit zu erzeugen.
Der Bestand der Dokumentensammlung wächst jährlich um 3.000 bis 4.000 Objekte. Es sind jedoch nicht nur offizielle Drucksachen, die zur etwaigen Aufnahme in den Sammlungsbestand begutachtet werden müssen: Hinterlassenschaften nach Haushaltsauflösungen und Dachbodenfunde, auch Einzelstücke werden vielfach angeboten: manchmal einzig aus finanziellem Anreiz („Ich habe hier eine Zeitung von Hitler. Wieviel wollen sie dafür bezahlen?“), vielfach in der Annahme, alte Dinge seien doch per se von historischem Wert, fast immer beseelt von dem Wunsch, Teile des Familienbesitzes als Exponate in einer Dauerausstellung wieder zu finden. Doch wie umgehen mit den Konvoluten an privaten Zeugnissen – den Briefen, Fotoalben, Tagebüchern und Aktenordnern?
Die Antwort, die Sammlungsdirektor Arnulf Scriba liefert, ist schlicht und einprägsam, mein Herz hüpft einmal kurz vor Freude: „Wir sammeln nicht Objekte, sondern Geschichten.“ Die eingereichten Dokumente müssen biografisch aufgeladen und verifiziert sein, um als Sammlungsgegenstand in Betracht gezogen zu werden. (Jeder Gang über einen Flohmarkt macht mich sentimental, wenn ich vor alten Fotoalben stehe, vor Haufen gerahmter Dias oder Umzugskartons voll mit alten Briefen. Biografische Fetzen werden hier im Kilo verkauft, eine Biografie lässt sich meistens nur erahnen, gerne würde man mehr wissen wollen, aber wo anfangen und wie wissen, wohin die Recherche führen wird?) Es existieren einfach zu viele alte Fotos und Feldpostbriefe, zu viele abgelaufene Personalausweise und Poesiealben. Deshalb kann auch hier die Sammlung nur exemplarisch erweitert werden, zumeist durch besondere Fundstücke, wie etwa einem umfangreichen Briefwechsel aus den 1910er Jahren, in dem sich ein Liebespaar die Trennungszeit mit wilden Sado-Maso-Fantasien verkürzt hat. Geschichten auch im Kleinen erzählen zu können, gewinnt im Geschichtsmuseum immer mehr an Bedeutung. Auch wenn die meisten Geschichten in den Schubladen der zahlreichen Planschränke lagern und vielleicht nie wieder erzählt werden.

Planschränke, das sind diese Metallkästen, in denen nur wenige Zentimeter hohe Schubladen großformatige flache Papiere fassen können. Daher wundert es wenig, dass sie nicht nur im Dokumentendepot vorzufinden sind, sondern in großer Zahl auch in der Plakatrestaurierungswerkstatt. Hier lagern jedoch keine Drucksachen, sondern diverse Papiersorten, vor allem Japanpapier, das – hergestellt aus Bastfasern des Maulbeerbaums – widerstandsfähig und weich zugleich ist. Aufgrund dieser Eigenschaften eignet es sich besonders zur Kaschierung der Rückseite von historischen Plakaten, die wegen ihrer geplanten Kurzlebigkeit als Werbeträger auf minderwertigem Holzschliffpapier gedruckt wurden, das schnell spröde und rissig wird.

Das DHM nennt eine Sammlung von 80.000 Plakaten sein eigen. Die Restaurierung der großen Papiere ist aufwendig, daher wird die Priorität der Bearbeitung an Ausstellungswünschen und Leihanfragen ausgerichtet.

IMG_3643Die Werkstatt gleicht einem C.S.I.-Labor. Ph-Werte des Papiers werden erhöht, dazu wird es gewässert, entsäuert, alkalisch verpuffert, Fehlstellen werden ergänzt, Risse geschlossen, Flecken entfernt, Schäden retuschiert. Ziel der Restaurierung sei es nicht, so steht es auf einem Aufsteller in der Werkstatt, das Objekt wieder „wie neu“ zu machen, sondern „es physisch dauerhaft zu erhalten und dabei auch historisch wichtige Spuren des Umgangs mit ihm zu bewahren“. Hierbei darf nichts frei erfunden werden, und farbliche Rekonstruktionen sollen stets erkennbar bleiben, z.B. dadurch, dass die Retusche eine Nuance heller angelegt wird im Original oder durch die strichelnde Tratteggio-Methode (zu erkennen in der Nahaufnahme des Sarah-Bernhardt-Plakats).

Auch die Gemälderestaurierung hat mit vielen schadhaften Exponaten zu tun und restauriert sie mit viel Fantasie in monatelanger Geduldsarbeit. So kann das Flicken eines eineuromünzengroßen Lochs gern einmal drei Monate in Anspruch nehmen.

Dank Röntgentechnik wird aus einem geglätteten, vollmundigen Gesicht auf einem Epitaph, das offenbar zu Verkaufszwecken erst vor wenigen Jahren übermalt worden ist, wieder ein zornesfaltiges Generalsantlitz.

Die Gemälderestaurierung gleicht mit ihren Staffeleien, Malpaletten, Farben und Pinseln, den herumstehenden, nur halb verpackten Kunstwerken und leeren Rahmen eher einem Atelier als einer Werkstatt.

Dabei weist die Arbeit der Restaurator_innen auch über die Reparatur und Instandhaltung historischer Gemälde hinaus. Zur Zeit lagern in der Werkstatt ein gutes Dutzend bestandseigene Cranach-Gemälde. Des jüngeren, des älteren, aus der Werkstatt des Meisters. Das DHM beteiligt sich am Cranach Digital Archive und liest dafür derzeit Unmengen an Informationen aus den Gemälden heraus: Mit Röntgenbildern und Holzproben, Firnisuntersuchungen und Rückseitenbeschau werden akribisch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse gesammelt, die künftig jederzeit online abrufbar sind. Und bereits jetzt warten im cda_ viele aufbereitete Gemälde und spannende Geschichten, die entdeckt werden wollen.

Blicke hinter die Kulissen machen einem ja immer wieder deutlich, wie wenig man weiß und wie viel es noch zu entdecken gibt. Fakt ist, dass die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums auch ganz anders aussehen könnte. Sie bliebe ebenso exemplarisch wie die jetzige, deshalb ist dies auch kein Wunsch nach einer neuen Sammlungspräsentation, es macht aber doch noch einmal deutlich, dass Museen mehr sind als nur Ausstellungsorte, dass sie ebenso, wenn nicht zu einem Ungleich größeren Anteil, bewahren und forschen.
Kurzum: In unseren Museen ist längst noch nicht alles erzählt, und es warten noch viele gute Geschichten in zahlreichen Schubladen auf uns.

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Als ergänzende Berichte seien die Blogposts von Juliane Wünsche und Martin Jungmann sowie die Storifys vom DHM und von Kultur Tweetup empfohlen.

// (ml)

Zur Information:
Sämtliche Fotos dieses Blogposts sind von Marc Lippuner am 11. August 2015 aufgenommen worden. Mit einem Klick auf die Fotos bekommt man eine vergrößerte Ansicht. Das könnte u.U. ganz hilfreich sein.
Es wäre schön, wenn die Fotos nicht ungefragt weiterverwendet werden.

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2 Antworten zu “Geschichte(n) in Schubladen

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